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Dörnigheimer Gewerbetreibende äußern Unmut über neue Bonpflicht

Maintal

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    In Adem Haydans Bäckerei an der Kennedystraße wollen 95 Prozent der Kunden keinen Beleg für ihren Einkauf. Foto: Rainer Habermann

Maintal. „Zwei Weizenbrötchen, 78 Cent, bitte. Darf's noch was sein?“ „Nein, danke, das war's.“ „Ihr Kassenbon, bitteschön.“ „Was soll ich mit dem?“ So oder so ähnlich laufen 95 Prozent aller Gespräche zwischen Verkäufer und Kunde, beispielsweise beim Bäcker Eifler auf der Dörnigheimer Kennedystraße. 

Artikel vom 09. Januar 2020 - 14:25

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Von Rainer Habermann

Seit dem 1. Januar gilt in ganz Deutschland die Bonpflicht. Das heißt, jeder Gewerbetreibende, der eine Registrierkasse im Laden stehen hat, ist verpflichtet, einen Beleg auszudrucken. Ob der Kunde die nun will oder nicht. „95 Prozent unserer Kunden wollen keinen Bon, obwohl wir jeden fragen“, resümiert Adem Haydan, Chef der Eifler-Filiale. Er steht selbst im Geschäft, kocht Kaffee, reicht Brote, Brötchen, Kuchen über die Ladentheke.

Seine Angestellte nickt, auch sie hat nur ganz selten einen Kunden, der seine Quittung mitnehmen will. „Meist sind das Gäste, die gemeinsam am Tisch sitzen, und wo dann einer für alle bezahlt, damit das hinterher untereinander abgerechnet werden kann“, ergänzt Haydan. So genannte „Bewirtungsbelege“ sind das dann oft, als Betriebsausgabe für den Bezahler steuerlich absetzbar. 

Kaum Nutzen der Quittung

Ähnlich ist das in vielen Cafés oder Eisdielen, wo bei einem Espresso oder Eisbecher meist die Bons auf dem Tablett oder Untersetzer liegen. Aber das dient mehr der Orientierung des Bedienpersonals; kaum ein Mensch steckt diese Quittung später ein, wenn er die Lokalität verlässt. 

Auch bei auch Sybill Schütz, die hinter der Kasse im All-in-one-Shop steht, ist das so. Neben Lotto-Toto verkauft sie Zigaretten, Magazine, Geschenkartikel. „Ich hatte in diesem Jahr erst einen Kunden, der den Kassenbon wirklich haben wollte. Alle anderen sagen 'Nein danke', wenn ich sie frage.“ 

Dieter Kraft vom Feinkost-Geschäft einige Häuser weiter wird noch deutlicher. „Ich finde, das generelle Misstrauen, das uns Einzelhändlern durch die neue Regelung von Seiten der Finanzbehörde entgegengebracht wird, ist absolut unangebracht. Wir tippen ohnehin jeden Apfel, jedes Stück Käse, jede Flasche Wein, die wir verkaufen, in die Registrierkasse. Schon alleine um den Überblick über unsere Umsätze zu behalten. Und fragen jeden Kunden, ob er einen Beleg möchte. Das haben wir schon immer so gemacht. Wir hatten allerdings auch schon Kunden, die regelrecht verärgert und aggressiv reagiert haben, wenn wir ihnen den Bon mitgeben wollten. Ich finde, das ist reine Papierverschwendung und damit eine Belastung für die Umwelt“, kommt Kraft zu einem klaren Fazit.

Frage nach der Steuergerechtigkeit

Der Inhaber des Käse-, Obst-, Gemüse- und Weinladens fragt sich auch, wie Steuergerechtigkeit etwa bei Straßenhändlern aussieht, in den Obst- und Blumenbuden am Straßenrand, die meist saisonweise aufgebaut werden. Und wer eigentlich die vielen Müllsäcke hinterher durchforsten will, in die die nicht vom Kunden mitgenommenen Papierbelege am Abend wandern.

Die Kunden sehen das ganz ähnlich. Bei Eifler sagt eine ältere Dame: „Das ist doch alles Unsinn auf Papier. Wenn die hier sowieso jedes Brötchen in die Kasse tippen, damit ich sehe, was ich bezahlen muss, dann brauche ich doch nicht für 1,50 Euro hinterher noch eine Quittung. Die Kassen sind doch heute ohnehin fast alle elektronisch.“ 

Ein weiterer Kunde, ein Vierzigjähriger, vergleicht das neue System mit Italien, wo es die Bonpflicht bereits seit 1997 gibt. „In Mailand, wo ich kürzlich in Urlaub war, bekommt man auch für jeden Espresso einen 'Scontrino', also einen Bon. Den muss ich als Gast annehmen, ob ich ihn will oder nicht. Denn es kann einem passieren, dass man kurz nach verlassen des Cafés von zivilen Beamten der Guardia di Finanza kontrolliert wird. Hat man ihn dann nicht dabei, ist eine Strafe wegen Steuerhinterziehung fällig.“ 

Keine „Belegmitnahmepflicht“

Ganz so weit geht die deutsche „Kassensicherungsverordnung“ nicht. Zwar besteht grundsätzlich eine Belegausgabepflicht für den Unternehmer, jedoch keine „Belegmitnahmepflicht“ für den Kunden. Ob für Gewerbetreibende das Ganze so heiß gegessen wird, wie es gekocht ist, bleibt abzuwarten. Denn Ausnahmen sind „in Härtefällen“ möglich. 

Gut haben es möglicherweise Vereine, die bei Festen eine Wurst und eine Cola über die Biertischgarnitur schieben, etwa auf dem Sportplatz. Denn für „offene Ladenkassen“, also solche, die nicht elektronisch funktionieren, gibt es eine Ausnahme von der Belegausgabeverpflichtung. Und der Beleg kann auch elektronisch beispielsweise aufs Smartphone übertragen werden. Wenn der Gewerbetreibende dafür ausgerüstet ist, und vor allem, wenn der Kunde das zulässt. 



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