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Direktversicherung: Böses Erwachen bei Rente für Bruno Griebel

Maintal

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    Doppelt Sozialabgaben zahlen müssen Millionen von Rentnern, die während ihres Berufslebens in eine Direktversicherung zur Altersvorsorge eingezahlt haben – so wie der Hochstädter Bruno Griebel. Foto: Pixabay

Maintal. Die private Altersvorsorge: Sie wird in Erwartung knapper Rentenkassen aufgrund des demographischen Wandels seit Jahren propagiert. Millionen Erwerbstätige folgten und folgen diesem Aufruf. Auch Bruno Griebel. 

Artikel vom 26. November 2019 - 11:48

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Von Martina Faust

Er sicherte sich in den 80/90er Jahren zusätzlich durch eine Direktversicherung ab, um für das Alter vorzusorgen. Bis er mit Eintritt in die Rente eine böse Überraschung erlebte . . .

Frisch im Ruhestand erhielt Bruno Griebel Post von seiner gesetzlichen Krankenkasse. Diese informierte ihn, dass auf den Auszahlungsbetrag aus seiner Direktversicherung Beiträge der Kranken- und Pflegeversicherung fällig werden. Der Hochstädter dachte zunächst an einen Irrtum. Schließlich hatte er doch bereits in der Einzahlungsphase diese Beiträge entrichtet.

Hochstädter legte Widerspruch ein

In der Auszahlungsphase sollten die Erträge beitragsfrei sein. Stattdessen werden nun in den nächsten zehn Jahren knapp 20 Prozent des Auszahlungsbetrags für Abgaben fällig – für den Arbeitnehmer- und den Arbeitgeberanteil. Im Fachjargon spricht man hier von einer Doppelverbeitragung. Hätte Griebel eine andere Form der Altersvorsorge gewählt, hätte er diese Kosten nicht.

Der Hochstädter legte deshalb Widerspruch ein, wurde jedoch von seiner Krankenkasse auf die geltende Rechtslage verwiesen. Denn Anfang 2004 wurde gesetzlich neu geregelt, dass Bezieher von Kapitalauszahlungen aus Direktversicherungen oder Betriebsrenten der betrieblichen Altersvorsorge den vollen Beitrag zur Kranken- und Pflegeversicherung zahlen müssen. Damit sollten die Löcher in den Töpfen der Krankenkassen gestopft werden. Privatversicherte waren und sind von dieser Doppelverbeitragung ausgenommen.

Keine ausreichenden Informationen zu den Hintergründen

Auch der folgende Gang zum Juristen war nicht von Erfolg gekrönt – eben mit Verweis auf die gesetzliche Grundlage. Griebel gab trotzdem nicht auf und schloss sich der Interessengemeinschaft des Vereins Direktversicherungsgeschädigte (DVG) an.

„In meinem Fall ist die Doppelverbeitragung nicht existenzgefährdend, aber das Thema wird totgeschwiegen. Die meisten der insgesamt rund sechs Millionen Betroffenen erfahren wie ich erst davon, wenn die Auszahlung beginnt. Und wer beispielsweise 50 000 Euro angespart hat, um damit im Alter die Hypothek des Häuschens abzulösen, steht plötzlich mit knapp 10 000 Euro weniger da“, sagt der 65-Jährige und ergänzt: „Und Direktversicherungen werden weiterhin verkauft, ohne über die Hintergründe ausreichend zu informieren.“ Wer nicht aus eigener Initiative nachforsche, bekomme es nicht mit.

„Das sind schließlich Wählerstimmen“

Dass im Zuge des jüngsten Kompromisses der Großen Koalition zur Grundrente auch eine Regelung zur Abschwächung der Doppelverbeitragung getroffen wurde, ist aus Sicht Griebels ein Schritt in die richtige Richtung, aber noch nicht ausreichend. Diese Neuerung sieht vor, dass aus der einstigen Freigrenze von monatlich 155,75 Euro, bis zu der keine Sozialbeiträge fällig wurden, nun ein Freibetrag wird. Das heißt, von der monatlichen Betriebsrente werden 155,75 Euro nicht mit Sozialbeiträgen belastet. Dieser Betrag soll im Januar auf
159 Euro steigen. 

„Das ist natürlich aus sozialer Sicht ein erster Schritt in die richtige Richtung, weil kleine Direktversicherungen davon stärker profitieren“, sagt der ehemalige Industriemanager, der im Ruhestand als Dozent tätig ist. Dennoch stört ihn, dass die Politik dieses Thema nicht so recht angehen möchte und die öffentliche Information mangelhaft ist. Vermutlich, weil bei sechs Millionen Betroffenen der Aufschrei der Entrüstung groß wäre, mutmaßt er. „Das sind schließlich Wählerstimmen“, so Griebel. 

Griebel will auf das Thema aufmerksam machen

Er möchte deshalb auf das Thema aufmerksam machen und hofft, dass sich mehr Betroffene dem DVG anschließen. „Bislang hat der Verein rund 3000 Mitglieder. Aber je mehr es werden, desto stärker wird der Druck auf die Politik, diese Ungerechtigkeit und Ungleichbehandlung zu korrigieren“, sagt er. 

Informationen zum Verein für Direktversichungesgeschädigte gibt es online. ›› dvg-ev.org

 

Was ist eine Direktversicherung?

Eine Direktversicherung ist eine Form der Altersvorsorge, die der Arbeitgeber für seine Arbeitnehmer bei einer Versicherung abschließen kann. In der Regel handelt es sich um eine klassische oder fondsgebundene Lebens- oder Rentenversicherung.

Die Direktversicherung ist eine Variante der betrieblichen Altersvorsorge.  Arbeitnehmer können einen Teil ihres Bruttoeinkommens in die Direktversicherung einzahlen. Bis 2004 war diese Art der Altersvorsorge mit steuerlichen Vergünstigungen verbunden.

Der Sparer zahlte einen ermäßigten Einkommenssteuersatz von 20 Prozent auf die Beiträge (Pauschalbesteuerung) sowie Kranken- und Pflegeversicherung bis zur Beitragsbemessungsgrenze. Seit 2004 aber werden diese Abgaben auch fällig, sobald die monatliche Rente höher ist als 155,75 Euro ist. mf


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