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Interview: Maintals Frauenbeauftragte Annika Frohböse im Gespräch

Maintal

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    Bekennt Farbe gegen Gewalt: Maintals Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte Annika Frohböse beklebt das Fenster ihres Büros mit orangefarbenem Transparent. Foto: Carolin-Christin Czichowski

Maintal. Von Übergriffen am Arbeitsplatz über häusliche Gewalt, Zwangsprostitution und Vergewaltigung bis hin zum Femizid, also der organisierten Tötung von Menschen weiblichen Geschlechts in großen Teilen der Welt: Gewalt gegen Frauen hat viele Gesichter und ist weit verbreitet. 

Artikel vom 25. November 2019 - 10:58

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Zahlreiche Menschenrechtsorganisationen, darunter Terre des Femmes, haben deshalb den „Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen“ ins Leben gerufen. Seit 1981 finden am 25. November überall auf der Welt Aktionen statt, die auf das Thema aufmerksam machen. Auch die Stadt Maintal nimmt daran teil. Wir haben über das Thema Gewalt gegen Frauen, den Aktionstag und die verschiedenen Anlaufstellen für Betroffene mit der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten Annika Frohböse gesprochen.

 

Geschlechtsspezifische Diskriminierung ist auch im 21. Jahrhundert noch ein großes Thema. Wo beginnt und wo endet sie?

Das ist ein sehr weites Feld. Wenn ein Vorgesetzter beispielsweise eine Frau in den Arm nimmt, kann die eine sagen, dass das kumpelhaft gemeint ist, während eine andere Frau sagt, das war sexuelle Belästigung. Es ist unheimlich schwierig zu greifen, es gibt keine klaren Trennlinien. Die Definitionsmacht liegt immer bei der Person, die betroffen ist. Ebenso ist es auch beim Thema häusliche Gewalt. Die eine Person empfindet zum Beispiel Verbales schon als häusliche Gewalt, während die andere Person das noch nicht als solche einstuft.

 

Gibt es Zahlen zu Fällen häuslicher Gewalt in Maintal?

Durchschnittlich wird davon ausgegangen, dass etwa jede dritte bis vierte Frau einmal im Leben Opfer von Gewalt wird, das ist leider in Maintal nicht anders. Das ist eine sehr, sehr hohe Zahl, man muss also davon ausgehen, dass es viele Frauen betrifft. Die Statistik umfasst aber nicht nur das Thema häusliche Gewalt, sondern auch zum Beispiel sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen, also alle Formen von Gewalt. Dennoch glaube ich, dass wir davon ausgehen müssen, dass viel mehr Frauen von häuslicher Gewalt betroffen sind, als wir wahrnehmen.

 

Viele Frauen versuchen auch, das herunterzuspielen, oder geben sich selbst die Schuld . . .

Es ist tatsächlich so, dass viele Frauen leider in Beziehungen bleiben, in denen sie Gewalt erleben. Weil sie zum Beispiel in Abhängigkeit leben. Die finanzielle Abhängigkeit von Frauen, die Kinder haben, ist dabei ein großes Problem. Deswegen bleiben Frauen, obwohl sie Gewalt erleben, oft in den Beziehungsn oder gehen zurück, auch wenn sie schon eine Zeit im Frauenhaus gelebt haben. Es ist für viele Frauen wahnsinnig schwierig, sich zu lösen. Sie müssen erst auf eigene Beine kommen, vor allem finanziell, aber auch emotional. Denn man hat ja den Menschen, der einen schlägt, irgendwann einmal geliebt. Es besteht trotz allem also auch eine emotionale Bindung.

 

Häufig denkt man, dass Gewalt eher ein Problem der bildungsfernen Gesellschaftsschicht ist. Stimmt das?

Nein, das stimmt nicht. Gerade häusliche Gewalt zieht sich durch sämtliche Altersgruppen und Gesellschaftsschichten.

 

Und auch Frauen können zu Täterinnen werden . . .

Genau. Es gibt auch Frauen, die Männern Gewalt antun. Auch wenn das nur einen sehr marginalen Anteil an häuslicher Gewalt ausmacht. Es kommt aber auch vor. In solchen Fällen haben die Betroffenen dann häufig das Problem, dass es kaum auf sie spezialisierte Beratungsangebote gibt. Die nächsten Anlaufstellen hier in der Region sind in Frankfurt.

 

Wie können Sie als Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte helfen?

Ich bin Ansprechpartnerin für Betroffene, aber auch für Angehörige und vermittele weiter zu verschiedenen Hilfs- oder Beratungsstellen.

 

Welche Anlaufstellen gibt es in Maintal für Betroffene?

Die Frauenhäuser in Hanau und in Wächtersbach sind auch für Maintal zuständig. Außerdem gibt es ein bundesweites Hilfetelefon für Frauen, die Opfer von Gewalt wurden. Auf Deutsch und in 17 Fremdsprachen sind täglich rund um die Uhr unter der kostenfreien Rufnummer 0 80 00/11 60 16 Beraterinnen erreichbar. Eine weitere Anlaufstelle ist Pro Familia in Hanau, und wenn es um sexualisierte Gewalt geht, ist die Lawine in Hanau außerdem ein guter Ansprechpartner.

 

Es gibt nicht nur Angebote für die Opfer häuslicher Gewalt, sondern auch für die Täter. Gibt es da Anlaufstellen in Maintal?

Das gibt es schon. Aber das Problem ist, dass die wenigsten Täter oder Täterinnen bereit sind, sich selber in die Beratung zu begeben. Ich weiß, dass diese Art von Arbeit häufig in Gefängnissen durchgeführt wird. Da wird viel Anti-Gewalt-Training gemacht.

 

Das heißt, den Tätern ist gar nicht bewusst, dass sie etwas falsch machen?

Häufig fallen Sätze wie „Das war doch gar nicht so gemeint“ oder „Du hast mich doch auch provoziert“, „Ich konnte nicht anders. Es ist doch klar, dass mir da die Hand ausrutscht“. Das sind typische Erklärungsstrategien von Tätern. Es besteht dann wenig Reflexion des eigenen Handelns und auch kaum Einfühlungsvermögen in die andere Person, der man gerade weh getan hat. Und es ist leider so, dass sich Gewalt vererbt. Zwar nicht biologisch, aber auf sozialer Ebene. Jemand, der als Kind Gewalt erlebt hat, hat ein größeres Risiko, später einmal selbst gewalttätig zu werden.

 

An wen können sich Angehörige oder Nachbarn wenden, die Zeugen von häuslicher Gewalt werden?

Auch da ist das bundesweite Hilfetelefon ein guter Ansprechpartner. Im Ernstfall sollte man aber auch als Außenstehender nicht zögern und die Polizei informieren. Ähnlich wie es im Umfeld von zum Beispiel Alkoholikern Co-Abhängige gibt, gibt es solche auch bei häuslicher Gewalt. Das Umfeld leidet massiv und versucht in manchen Fällen, das, was passiert, zu vertuschen.

 

Was kann die Gesellschaft tun, um Gewalt gegen Frauen zu verhindern?

Wir müssen eine Kultur des Hinsehens etablieren. Wenn wir zum Beispiel mitbekommen, dass es bei den Nachbarn oft zu lautstarkem Streit kommt oder jemand um Hilfe ruft oder so etwas wie „Lass das sein“, dann sollten wir nicht wegschauen. Wir sollten proaktiver an die Sache herangegehen und im Zweifelsfall lieber einmal zu oft die Polizei rufen, als einmal zu wenig. Denn Gewalt ist niemals privat, auch nicht, wenn sie in den eigenen vier Wänden stattfindet. Wenn jemandem auf der Straße oder in der Öffentlichkeit Gewalt angetan wird, dann rufen wir ja auch die Polizei und schauen nicht weg.

Das Interview führte Carolin-Christin Czichowski

 

Aktionen in Maintal

In Maintal finden zum internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen zahlreiche Aktionen statt. Zum Einen beteiligt sich die Stadt an einer Aktion aus Hanau, bei der bedruckte Brötchentüten in fünf verschiedenen Bäckereien ausgegeben werden. In roter Schrift steht darauf „Gewalt kommt mir nicht in die Tüte“; zudem sind die Telefonnummern von Beratungsstellen und Frauenhäusern in der Region aufgelistet.

Die Stadt Maintal beteiligt sich außerdem an der internationalen Aktion „Orange your city“, die von verschiedenen Menschenrechtsaktionen organisiert wird und bei der weltweit Orte am 25. November orange angestrahlt werden, zum Beispiel die Niagarafälle oder die Europäische Zentralbank in Frankfurt. In Maintal werden Mitarbeiter der Verwaltung Fenster im Rathaus mit orangefarbenem Transparentpapier bekleben.

Zudem hissen Mitarbeiter der Stadtverwaltung zusammen mit weiteren Akteure etwa aus dem Frauenbeirat seit einigen Jahren im Rahmen des Aktionstags eine orangefarbene Fahne, um so Farbe gegen Gewalt an Frauen zu bekennen. Interessierte sind zu der Fahnenhissung am Montag ab 16 Uhr vor das Rathaus in Hochstadt eingeladen. Wie Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte Annika Frohböse ist Hintergrund all dieser Aktionen, Öffentlichkeit zu schaffen für die Themen. ccc


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