Lesezeichen hinzufügen hanauer.de als Startseite
bedeckt
6 ° C - bedeckt
» mehr Wetter

"Thai-Connection"-Prozess: Bordellbesuche im Auftrag der Polizei

Maintal

  • img
    Die an diesem Tag vernommenen Männer besuchten im Auftrag des Staates diverse Bordelle. Symbolfoto: Pixabay

Maintal/Hanau. Sie sind zwischen 27 und 43 Jahre alt. Alle Männer wirken gepflegt, sind erschienen in legerem Outfit, tragen Sakko, Jeans und ordentlich geputzte Schuhe. Sie heißen „Alex“, „Rick“ oder „Dariuz“. Sie haben viele Gemeinsamkeiten, Bordellbesuche gehören dazu.

Artikel vom 08. November 2019 - 11:01

Anzeige

Von Thorsten Becker 

Vor der 5. Großen Strafkammer am Hanauer Landgericht scheint es so, als ob die Männer sogar zusammen wohnen, denn die „ladungsfähige Anschrift“ ist immer die gleiche: in Potsdam. 

Doch die gemeinsame „Wohnung“ liegt an der Heinrich-Mann-Allee. Dort befindet sich das Bundespolizeipräsidium, von dem aus alle Ermittlungen im Verfahren gegen die führenden Köpfe der „Thai-Connection“ wegen Menschenhandels, Zwangsprostitution, Ausbeutung und Steuerhinterziehung koordiniert werden.

Besuch im staatlichen Auftrag

Es ist bereits der 25. Verhandlungstag in diesem Mammutprozess, und die Beweislast gegen die fünf Angeklagten wird immer erdrückender.

Die Ermittler nennen zwar ihre echten Namen, doch die spielen keine Rolle, denn sie waren im staatlichen Auftrag als „Nicht offen ermittelnde Polizisten“ im Einsatz – im Fachjargon als „Noeps“ bekannt. Ihr Auftrag: Als „Freier“ getarnt sollen sie die Bordelle des Netzwerks von innen unter die Lupe nehmen, möglichst viele Frauen und Transsexuelle identifizieren und die Hierarchien in den Etablissements rekonstruieren.

Tarnung nur vor der Bordelltür

So wie die Beamten der Hanauer Kripo es getan haben. Die Ermittler der örtlichen „Sitte“ hatten den Anfangsverdacht, nahmen in Maintal zweimal illegale Prostituierte fest und brachten damit das bundesweite Verfahren ins Rollen, das schließlich von der Generalstaatsanwaltschaft angeklagt wird. 

Doch die Zivilfahnder aus Hanau mussten sich nur vor der Bordelltür tarnen, damit diese sich überhaupt öffnet. Danach zückten sie ihre Dienstmarken und holten mehrere Kollegen nach.

„Ich hatte nie die Absicht, das Angebot anzunehmen.“

Ganz anders geht „Dariusz“ vor. Er greift zum Telefon und vereinbart im „Sun-Thai“ an der Wilhelm-Röntgen-Straße in Dörnigheim ein „Schäferstündchen“. Die Bordellchefin ahnt nichts: „Zweimal bei Linda klingeln“ lautet die Anweisung. „Es ging bei den Einsätzen darum, die Prostituierten einwandfrei zu identifizieren“, sagt „Dariusz“ der Kammer unter dem Vorsitzenden Richter Andreas Weiß. In der dritten Etage angekommen, werden zunächst die Preise für die sexuellen Dienstleistungen besprochen. Die Angeklagte M. wird von dem Undercover-Ermittler im Gerichtssaal wiedererkannt.

Doch wie kommt der „Freier“ im Auftrag der Bundespolizei aus dieser Situation wieder heraus? Die Verteidiger haken nach, wollen den Zeugen auf schlüpfriges Glatteis bringen, scheitern aber sofort. „Dariusz“ grinst ein wenig: „Ich hatte nie die Absicht, das Angebot anzunehmen.“

Identifikation mit Hilfe der Visa-Anträge

So schindet der Ermittler etwas Zeit, schaut sich genau in den Räumlichkeiten um, in denen „TS Kimi“, „Lulu“ oder „Anita“ anschaffen müssen. „Ich habe erklärt, dass die Frau nicht meinen Wünschen entspricht.“ Die leicht bekleidete Frau verschwindet, die Bordellchefin erscheint wieder und versucht, andere Damen ins Spiel zu bringen. Doch keine Chance. „Dariusz“ zieht wieder ab. Und er nimmt sofort Kontakt zum Ermittlungsführer auf, um seine Erkenntnisse aus dem Maintaler Bordellbetrieb exakt zu dokumentieren. 

„Mit Hilfe der Visa-Anträge haben wir die Frauen identifiziert“, sagte der Zeuge aus, der auch noch einen weiteren Auftrag absolviert: In einem anderen Rotlichtbetrieb gibt er vor, einen Junggesellenabschied organisieren zu wollen. Neben den „Anbahnungsgesprächen“, wie es im Polizeijargon heißt, habe er auch die „Verrichtungszimmer“ gesehen.

 „Über so etwas darf ich nicht sprechen“

So haben die Juristen an diesem Tag nur sehr wenige Fragen an die „Noeps“. Ob denn jemals seine Tarnung aufgeflogen, und ob das nicht ein gefährlicher Einsatz gewesen sei, lautet eine der wenigen.

„Nein“, gibt sich „Dariusz“ selbstbewusst. Die „Thai-Connection“ scheint dem angeblichen Freier auf den Leim gegangen zu sein. Und gegen die Gefahren im Rotlichtmilieu scheinen die Bundespolizisten ebenfalls gewappnet zu sein. „Es gibt Sicherheitsmechanismen“, ist alles, was sich der 28-Jährige entlocken lässt. Details nennt er nicht. „Über so etwas darf ich nicht sprechen“, gibt er auf Nachfrage zur Antwort.



Kommentare

Noch keine Kommentare vorhanden.