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Maintaler Kabarettgruppe "Mikrokosmos" mit satirischen Einlagen

Maintal

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    Wer wird oberster Meister-Bürger 4.0, „smart, lean & effizient“? Vielleicht ja doch der Kaiser, der Karl-Heinz . . . Die Kosmonauten spekulieren mal. Foto: Rainer Habermann

Maintal. Wenn Fähre auf Mainkultur trifft, kann man das als Havarie verstehen? Gewissermaßen ja, denn beim Zerlegen der Opfer entsteht als „Service mit Herz“ die erste Organbank Maintals. Der Zusammenhang ist natürlich völlig aus der Luft gegriffen: Satire darf das. 

Artikel vom 29. Oktober 2019 - 11:58

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Von Rainer Habermann

Mindestens drei von über 30 Nummern, welche die Maintaler Kabarettgruppe „Mikrokosmos“ am Wochenende wieder über die Bretter des evangelischen Gemeindehauses im Stadtteil Hochstadt jagte, verdienen das Prädikat „überragend spitz“. Mit dem Ergebnis, dass am Ende über 100 Gäste sich schlapp gelacht hatten und frenetisch applaudierten. Obwohl bei so manchem Thema das Lachen auch im Halse stecken blieb. Dass die Premiere des neuen Programms am Samstagabend seit Wochen restlos ausverkauft war: Bei dieser Truppe von Kulturpreisträgern des Main-Kinzig-Kreises ist das eine Selbstverständlichkeit und muss nicht eigens betont werden. 

Mikrokosmos: Das sind derzeit über 20 (14 stehen auf der Bühne) Kabarettisten des Hochstädter Humor- und Musikvereins „Edelweiß“ (HMV) unter der Leitung von Frank Walzer. Die Nummern aber denken sich alle aus. Und entwickeln sie auch auf die Spitze, spielen sie mal solo, mal im Duett, mal mit mehreren. Ihre Sketche haben enormen Biss, sie gehen thematisch teilweise weit über den Rahmen der Stadtpolitik hinaus, nehmen den allgemeinmenschlichen und zeitgenössischen Alltag aufs Korn. Wie etwa in der Nummer „Fondue“. 

Schenkelklopfer beim Publikum

Eine Party rund um den Fonduetopf soll gemütlich werden, aber alle Gäste daddeln permanent ihre WhatsApps in die Tasten der Smartphones. Geselligkeit? Fehlanzeige. Das ist jetzt nicht unbedingt politisch, aber ein kleiner Hinweis: „Leute, legt doch wenigstens beim Essen mal eure Handys beiseite“. Ein anderer Sketch, der „37. Geburtstag“, könnte ohne Weiteres auch am Hamburger Ohnsorg-Theater laufen. Isabella Isabella und Stefan Lohr spielen hier ein sexy Pärchen.

In dem Stück wird Lohr als Geburtstagskind mit einem Netz-T-Shirt beglückt. Nicht gerade vorteilhaft, die Leibesfülle des Männleins ist unverkennbar. Peinlich, peinlich: Gisela Jeske, Helmut Roog als Mama und Papa tauchen überraschend auch beim Geburtstags-Tête-à-Tête auf: Mit einem ganz eigenen Geschenk. Die vier spielen dieses kurze Stück so überwältigend komisch, dass die Schenkelklopfer im Publikum gar nicht mehr aufhören wollen. 

Lokaler und regionaler Bezug mit hohem Stellenwert

Die Mehrzahl der Nummern hat allerdings einen gewissen politischen Bezug: Kernkompetenz eines jeden Kabaretts, sonst wäre es ja auch tatsächlich „Ohnsorg-Theater“. Als Running Gag bietet „Mikrokosmos“ in diesem Jahr die „Kantine“, wo die gesellschaftlichen Konflikte um Klimaschutz, vegan oder nicht vegan, Wuzzifleisch oder halal, ein ums andere Mal aufgekocht werden. 

Im vorigen Jahr bildete die Datenschutzgrundverordnung das Rahmenprogramm im Programm, heuer eben die Suppentöpfe des guten – oder weniger guten – Geschmacks. Und im „eigentlichen“ Programm nimmt natürlich der lokale, regionale Bezug den höchsten Stellenwert ein. Die „Antragsprüfung“ nimmt die Vereinsmeierei oder das „Wir sind Entscheider, Ihr seid Bürger“ aufs Korn, wo Anträge „einfacher Bürger“ schlicht in der Abteilung „Abschmettern“ bearbeitet werden, jene „honoriger“ Zeitgenossen in der Sektion „Begünstigung“.

Würdige Nachfolger

Der „WAM-Faktor“, den alle fürchten, droht hier als dunkle Wolke über dem „Amt“, in dem unschwer die Stadt Maintal zu erkennen ist. Fazit: Die Gruppe „Mikrokosmos“ scheint derzeit der einzig ernst zu nehmende Nachfolger der ebenfalls legendären Kabarett-Truppe „Brennnesseln“ zu sein, die sich 2017 aufgelöst hatten. Das waren aber ohnehin Hanauer. Und die zählen ja nicht (mehr), wenn die Grimm-Stadt erst kreisfrei ist.



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