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Der Rommé- und Canastaclub wird 40 Jahre alt

Maintal

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    Ins Blatt gelunzt: Eigentlich darf man beim Canasta nicht in die Karten schauen. In diesem ganz speziellen Fall sehen (von links) Hannelore Broschwitz, Birgit Lanio und Elfriede Fritz das Ganze aber nicht so eng. Foto: Rainer Habermann

Maintal. Spielen ohne Computer? Ja, es geht! Für Jugendliche ist das heute wohl ein provokantes Wort. Aber noch immer ziehen viele Menschen die Geselligkeit und das Gefühl, unter Gleichgesinnten zu sein, dem schnöden Ego-Shooting vor. 

Artikel vom 29. Oktober 2019 - 11:39

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Von Rainer Habermann

Obwohl ich selbst gerne Computerspiele spiele, ich muss schon sagen: Das „Geburtstagsturnier“ am Wochenende, beim 40. Jubiläum des Rommé- und Canasta-Clubs Maintal (RCCM), hat mich schwer beeindruckt. Und ich denke mal: Auch viele jüngere bis zu gleichaltrigen und (noch) älteren Mitbürgern schätzen die Gesellschafts- sprich Kartenspiele, wo reale Mitmenschen am Tisch sitzen und nicht auf Bildschirme oder Smartphones glotzen, sondern auf das Blatt ihres Nachbarn zu schielen versuchen. 

Diese Ambitionen würden natürlich Rolf und Birgit Lanio streng zurückweisen: „Wir sind doch nicht hier, um zu schummeln!“ Sie gehören zu den Gründern des RCCM, „an einem dunklen und kalten Novemberabend im Jahr 1979“, wie die beiden erzählen. Damals trafen sie sich mit anderen Maintalern schon im „Treffpunkt“, der kleinen Kneipe in der Dörnigheimer Philipp-Reis-Straße. Wo das Rauchen ausdrücklich erlaubt ist und irgendwie zur Kultur dazu gehört. Selbst wenn das medizinisch nicht so ganz legitimiert sein sollte. 

Eine Zigarette beim Kartenspiel

„Überlegen Sie mal“, hält mir Rolf Lanio vor, der von Anbeginn an Vorsitzender des Vereins ist. „Seit 40 Jahren kommen jeden Dienstag um 19.30 Uhr dutzende Menschen hier zusammen, um Geselligkeit zu erleben und ihrer Leidenschaft nachzugehen: dem Rommé- und Canasta-Spiel. Wir haben hier einfach Gemütlichkeit zu bieten, Spaß und Freude. Es hat sich bei uns herausgestellt: Fast alle sind Raucher und verbinden diese Gemütlichkeit auch mit dem einen oder anderen Glimmstengel. Das Leben soll Spaß machen: Das ist unser aller Motto!“ 

Rolf rennt bei mir offene Türgen ein, ich zünde mir schnell eine an. In Hessen ist das in Gaststätten erlaubt, erklärt er mir, es muss nur am Eingang darauf hingewiesen werden; und das wird es vor dem Treffpunkt. „Wir haben hier eine hervorragende Lüftung eingebaut, es muss also keiner ersticken“, lächelt Rolf.

Es wird mit 108 Blatt gespielt

Apropos „wird es“: spannend wirds auch. Erst einmal wird gelost, wer an welchem Tisch Platz nimmt, getrennt in Rommé- und Canasta-Tische. Drei von jeder Sorte sind es, ich setze mich zunächst zu Hannelore Broschwitz, Birgit Lanio und Elfriede Fritz an einen Canasta-Tisch und schaue Hannelore über die Schulter. Ich habe zwar früher mal Canasta gespielt, so vor gefühlt 200 Jahren, aber die Regeln? Heute – jedenfalls bei mir – Fehlanzeige. 

Im Club beherrscht man sie natürlich, und sie werden auch gerne Novizen erklärt. Willkommen im Club? Na ja, an einem der nächsten Dienstage werde ich wohl mal meine Kenntnisse auffrischen lassen, denn schnell hat mich die Spiellust wieder gepackt. Das Mischen des dicken Kartenstapels – immerhin wird Canasta mit zwei kompletten Kartensätzen je 52 Blatt und vier Jokern, also mit 108 Blatt, gespielt – geschieht nicht mehr von Hand, sondern übernimmt im Club mittlerweile die Mischmaschine. Vorsicht ist angesagt, die Maschine per Handkurbel schmeißt gerne mal über den Rand; deshalb ist Unterarmarbeit beim Abdecken des Auswurfs angebracht. 

„Ihr schmeißt Karten weg, die könnte ich alle brauchen“

Dann ist aber wieder Handarbeit angesagt: Elf Karten pro Spieler wollen ausgeteilt sein. „Wieviel Dreier haste dann noch, Mädsche?“, mault Birgit zum Ablegen. „Besser arm dran als Arm ab“, schlägt Elfriede zurück. Die Sprüche kommen ohne Ende, das gehört zu einer „saftigen“ Partie. Birgit kam raus, am Ende macht sie auch „fertig“, und Hannelore hat trotz zwei Jokern auf der Hand das Nachsehen. „Immer wenn ich gefragt werde, ob ich Sport treibe, sage ich: ja! Canasta!“, liefert Birgit einen flotten Schenkelklopfer. Wer kann schon Canasta von Karate unterscheiden? 

Ich gehe zum nächsten Tisch, hier kloppen Edmund Petrat (der Älteste im Turnier mit 90 Jahren!), Lotti Willing, Monika Jäger und Bärbel Landes ein gepflegtes Rommé-Match. „Ihr schmeißt Karten weg, die könnte ich alle brauchen“, jammert Lotti, als der erste Ablagestapel wächst, aber sie noch nichts aufnehmen kann, weil sie noch nicht raus gekommen ist. „Du tust mir sooo leid“, kommentiert Monika, hart aber herzlich.

Spielen kann sich sogar lohnen!

Die Ablage wächst, Edmund kommt mit drei Königen und einer Reihe Kreuze mit Joker raus. „Ich weiß gar nicht, was ich noch schmeißen soll. Ich hab' so'n schönes Blatt, aber krieg nix dazu“: wieder Lotti. Beim übernächsten Durchgang klappt's: Sie macht elegant Schluss. 

Irgendwie tatsächlich gemütlich hier, denke ich mir, und warte, bis am Ende der Vorstand mit Andreas Haupt, voraussichtlich Nachfolger Rolf Lanios bei der nächsten Vorstandswahl, die Sieger des Turniers und damit Maintaler Stadtmeister 2019 des RCCM verkündet: Evelyn Schad im Rommé, und Birgit Lanio im Canasta. Prämiert wurden sie mit zwei stattlichen Pokalen, aber auch alle Teilnehmer erhielten kleinere Sachpreise. Also: Spielen kann sich sogar lohnen!



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