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Maintaler in aller Welt: Auf dem Fahrrad durch Amsterdam

Maintal

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    Ein Bischofsheimer Weltenbummler: Nachdem Arno Förster während der Schulzeit und des Studiums schon in China gelebt hat, ist er nun zum Promovieren nach Amsterdam gezogen. Danach könnte er sich vorstellen, in die USA zu gehen. Foto: Privat

Maintal – Arno Förster promoviert in der niederländischen Hauptstadt. Besonders gut gefällt es dem ehemaligen Bischofsheimer, abseits der Touristenrouten zwischen Universität und den vielen Freizeitmöglichkeiten unterwegs zu sein – und das ganz holländisch auf dem Zweirad.

Artikel vom 19. Januar 2019 - 15:56

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Während der Schulzeit und des Studiums hat es Sie bereits nach China verschlagen und für den Doktortitel sollte es ebenfalls ins Ausland gehen – warum fiel die Wahl auf Amsterdam?

Ich wollte auf jeden Fall in einer größeren Stadt im Ausland promovieren. Der genaue Ort war mir dabei zunächst aber nicht so wichtig. Da mir das Promotionssystem in den USA nicht gefällt, kam für mich nur noch Europa in Frage. Dann habe ich mich intensiv nach Promotionsstellen umgeschaut, die mich
interessieren, und die Stelle hier in Amsterdam erschien mir unter wissenschaftlichen
als auch finanziellen Gesichtspunkten am interessantesten. 

Was können sich unsere Leser unter Ihrem Promotionsprojekt vorstellen?

Ich promoviere im Bereich der theoretischen Chemie. In meiner Gruppe in Amsterdam entwickeln und verbessern wir Computerprogramme, um bestimmte Eigenschaften von Molekülen auf rein quantenmechanischer Grundlage zu berechnen. Diese Programme werden dann von Ingenieuren oder anderen Wissenschaftlern an Universitäten und in der Industrie für die Modellierung von chemischen Reaktionen und Materialien verwendet, um unter anderem effizientere Solarzellen oder neue Medikamente zu entwickeln – ohne kostspielige und oftmals sehr zeitaufwändige Laborexperimente durchführen zu müssen. In meinem Promotionsprojekt geht es im Wesentlichen darum, einige sehr aufwändige Methoden zu verbessern und effizienter zu machen.

Was bietet Ihnen die Hochschule in der niederländischen Hauptstadt für Ihre Forschungen?

Die Universität hier in Amsterdam bietet mir in erster Linie ein sehr professionelles, internationales und exzellentes akademisches Umfeld. Hier gibt es auf meinem Gebiet viele gute und erfahrene Wissenschaftler und mein Chef ist international sehr renommiert. Außerdem kooperieren wir in unserer Methodenentwicklung sehr eng mit einer Firma, die Software für chemische Modellierung entwickelt und vermarktet, was meiner Arbeit ebenfalls sehr hilft. 

Amsterdam ist eine beliebte Touristenstadt, was bedeutet das für Ihren Alltag?

Die Touristen halten sich natürlich hauptsächlich in der Innenstadt auf, rund um das bekannte Grachtenviertel. Die Universität und meine Wohnung befinden sich aber eher im Süden, deshalb bekomme ich davon normalerweise nur wenig mit. Allerdings meide ich auch aufgrund der vielen Touristen insbesondere an den Wochenenden das Grachtenviertel. Dort ist es mir dann einfach zu voll und auch zu teuer.

Die Innenstadt ist ein schönes, wenngleich durchaus teures Pflaster – wie leben Sie?

Insbesondere die Mieten sind in Amsterdam natürlich sehr hoch. Aus diesem Grund lebe ich auch etwas außerhalb von Amsterdam in Diemen. Das ist ein eher ruhiges Pflaster, aber mit dem Fahrrad bin ich auch relativ schnell an der Uni oder in der Innenstadt. Abgesehen von den Mieten und dem Grachtenviertel ist Amsterdam aber nicht viel teurer als beispielsweise Frankfurt. Insbesondere die Lebensmittelpreise sind wirklich moderat. 

Was sollten Reisende nicht verpassen, haben Sie Geheimtipps?

Ich selbst bin kein großer Fan von der unmittelbaren Innenstadt. Auch wenn es dort sehr schön ist mit all den Grachten, ist es mir dort einfach zu überlaufen. Meiner Meinung nach befinden sich die schönsten Viertel Amsterdams unmittelbar außerhalb der Grachtengürtel. Insbesondere die Viertel De Pijp und Jordan sind wirklich toll, aber wohl inzwischen auch zu bekannt, um als Geheimtipps durchzugehen, wenngleich deutlich weniger überlaufen als das Grachtenviertel. Mein Geheimtipp ist das Viertel Amsterdam-West. Meiner Meinung nach sind die Grachten und Häuser dort genauso schön wie im Zentrum und es gibt viele gemütliche Restaurants und Cafés, aber es sind kaum Touristen unterwegs und die Preise sind erschwinglicher. Einen Besuch dort kann man wunderbar mit einem Essen in den Food-Hallen verbinden, einem großen Streetfood-Markt. 

An welchen Plätzen der Grachtenstadt findet man Sie in Ihrer Freizeit?

Aufgrund der vielen Touristen meide ich, wie auch alle meine Freunde und Bekannten hier, die unmittelbare Innenstadt weitestgehend. Dadurch, dass ich am südlichen Rand von Amsterdam arbeite und viele meiner Freunde und Kollegen dort wohnen, bin ich auch oftmals in meiner Freizeit dort anzutreffen. Gerade an den Wochenenden treffen wir uns aber doch oft in einem Café oder zum Essen in De Pijp oder West.

Das Niederländische ist eine dem Deutschen verwandte Sprache und wohl leichter zu erlernen als Chinesisch – pauken Sie dennoch im Sprachkurs?

Niederländisch ist für Deutsche in der Tat sehr einfach zu erlernen, insbesondere das Lesen ist wirklich leicht. Allerdings spricht hier jeder sehr gut und bereitwillig Englisch, und an der Universität sprechen wir sowieso nur Englisch miteinander. Da fällt es schwer, Niederländisch zu lernen, und vermutlich sollte ich trotz allem mal einen Sprachkurs besuchen. Das habe ich nämlich bisher noch nicht getan.

Rad oder öffentliche Verkehrsmittel – haben auch Sie die Begeisterung der Niederländer für das „fiets“ übernommen?

Ganz eindeutig, ich fahre jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit und auch sonst bewege ich mich nur noch so fort. Die Radwege in Amsterdam sind sehr gut ausgebaut und es ist hier so viel angenehmer, in der Stadt Fahrrad zu fahren als zum Beispiel in Frankfurt zu Berufsverkehrszeiten. 
Welche Unterschiede beobachten Sie zwischen den Nachbarn Niederlande und Deutschland?
Abgesehen von der Begeisterung für das Fahrradfahren sind wir uns eigentlich sehr ähnlich. Ich denke aber, dass die Leute grundsätzlich etwas entspannter und die Hierarchien am Arbeitsplatz flacher sind. Das gilt jedenfalls für meinen Arbeitsplatz.

Wollen Sie auch nach dem Doktortitel in Amsterdam bleiben?

Das weiß ich jetzt noch nicht so genau, aber vermutlich eher nicht. Mir gefällt es hier sehr gut, aber nach meinem Doktortitel werde ich vier Jahre in Amsterdam gelebt haben. Das ist eine lange Zeit und ich würde gerne noch einige andere Orte kennenlernen. Wenn ich den akademischen Karriereweg einschlagen sollte, würde ich wohl erst einmal in die USA ziehen. Ansonsten komme ich vielleicht auch wieder zurück nach Deutschland oder ziehe innerhalb Europas um.

Das Interview führte Madeleine Hesse.



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