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HA-Podiumsdiskussion: Stadtentwicklung und Ärzte zentrale Themen

Langsenslbold

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    Rund 550 Bürger kamen zur HA-Podiumsdiskussion in die Selbolder Klosterberghalle, um die vier Bewerber um die Nachfolge von Bürgermeister Jörg Muth (CDU) näher in Augenschein zu nehmen und möglicherweise bereits eine Entscheidung für ihre Wahl am Sonntag zu treffen. Foto: Mike Bender

Langenselbold. Vielleicht lag es an der noch nicht lange zurückliegenden Weihnachtszeit, dass es am Dienstagabend bei der Podiumsdiskussion von HANAUER ANZEIGER so harmonisch auf der Bühne der Klosterberghalle zuging.

Artikel vom 16. Januar 2020 - 09:33

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Von Lars-Erik Gerth

Wer allerdings in den vergangenen Wochen den Wahlkampf beobachtet und sich die Programme der vier Kandidaten zu Gemüte geführt hatte, konnte kaum überrascht darüber sein, dass es keine großen inhaltlichen Differenzen oder gar Wortgefechte gab. So wichen die Aussagen der vier Bewerber um die Nachfolge von Bürgermeister Jörg Muth (CDU) in vielen Fällen nur in Nuancen voneinander ab.

Dass der Abend streckenweise dennoch unterhaltsam verlief, lag nicht zuletzt an der souveränen, bisweilen auch gewitzten Moderation der HA-Redakteure Yvonne Backhaus-Arnold und Holger Weber-Stoppacher, die für die notwendige Auflockerung sorgten. 

Nervöse Kandidaten - Greuel bleibt cool

Denn dass mancher der Bewerber bei rund 550 Gästen im Saal mit Nervosität zu kämpfen hatte, wurde bereits bei der kurzen Vorstellungsrunde deutlich. Das legte sich jedoch im Laufe des Abends bei dem einen Kandidaten mehr und bei dem anderen weniger. Besonders locker gab sich Timo Greuel (SPD), der auch den eloquentesten Eindruck hinterließ.

Zwischen ihm und CDU-Kandidat Tobias Dillmann wurden im Übrigen einige Unterschiede deutlich, wenngleich es dabei weniger um die Ziele ging. Beispiel dafür war der bereits im Dezember von Dillmann erfolgte Vorstoß in Sachen Ausbau der Käthe-Kollwitz-Schule um eine gymnasiale Oberstufe.

Gymnasiale Oberstufe der Kollwitz-Schule wird heiß diskutiert

Der Christdemokrat sieht gute Chancen, dass das Staatliche Schulamt nach der Ablehnung vor zehn Jahren diesmal seine Zustimmung dafür geben könnte. Greuel begrüßt zwar ebenso eine solche Erweiterung, hält aber die Chancen für kaum besser als vor einem Jahrzehnt.

„Ich sehe keine Anzeichen dafür, dass das Staatliche Schulamt seine Meinung dazu geändert hat. Mir liegt auch ein Schreiben des Amtes vor, das vom Oktober 2013 datiert. Und auch in diesem wird der Ausbau abgelehnt. Außerdem muss man wissen, dass die Kollwitzschule heute rund 600 Schüler hat. Als ich in den 1990er Jahren auf der Schule war, waren es noch 1100 bis 1200 Schüler“, so Greuel.

Bürgermeister sind zum Teil die Hände gebunden

Dillmann hingegen sieht dennoch gute Chancen für eine gymnasiale Oberstufe in Selbold. „Die Zahl der Schüler wächst und die Gymnasien beispielsweise in Hanau oder auch in Freigericht können gar nicht mehr alle Schüler aus dem Umland aufnehmen. Es gibt einen Bedarf für eine gymnasiale Oberstufe an der Käthe-Kollwitz-Schule und ich glaube, dass diese in absehbarer Zeit realisiert werden kann“, zeigte sich der Christdemokrat überzeugt.

Grundsätzlich begrüßten die Mitbewerber Axel Häsler (unabhängig) und Manfred Kapp (Freie Wähler) ebenfalls eine Erweiterung des schulischen Angebots in Selbold um eine gymnasiale Oberstufe, verwiesen aber zugleich darauf, dass dies nicht in der Entscheidung der Kommune und somit auch des Bürgermeisters liege.

In erster Linie ging es in der Diskussionsrunde jedoch um die Stadtentwicklung und den Komplex Ärzteversorgung/Gesundheitszentrum, wobei kaum signifikante Unterschiede in den Aussagen aufschienen.

Uneinigkeit über geplante Multifunktionshalle

Lediglich bei der Finanzierung der von Greuel favorisierten Multifunktionshalle gab es deutliche Differenzen zwischen ihm und Dillmann. Rund sechs Millionen Euro soll sie kosten. Der Christdemokrat hält dies nicht für realisierbar, solange sich Selbold unter dem kommunalen Schutzschirm befinde. Greuel hingegen verwies mehrfach darauf, dass die Investition über einen Zeitraum von 60 Jahren abgeschrieben werden könne, die Belastung jährlich nur 100 000 Euro betrage.

Gerade für die Vereine, deren Engagement er fördern wolle, sei dieses Gebäude aber ein wichtiges Vorhaben, da er bei Gesprächen erfahren habe, dass es diesen oft an den nötigen Trainingszeiten in den bestehenden Hallen fehle. Eher skeptisch zu dem Projekt äußerten sich derweil Kapp (er führte sinkende Mitgliederzahlen bei den Vereinen dagegen an) und Häsler.

Wachstum wird nicht nur positiv gesehen

Während Dillmann und Greuel das rasante Wachsen Selbolds insbesondere bezüglich der Neubaugebiete Niedertal I bis III begrüßten, sahen dies die beiden anderen Bewerber deutlich kritischer: Die Infrastruktur, vor allem die Verkehrssituation, hätte damit nicht Schritt gehalten.

Für Häsler hat bei den Neubaugebieten der Aspekt bezahlbarer Wohnraum gerade für junge Familien eine zu geringe Rolle gespielt. Außerdem sei gerade bei Niedertal I und II zu wenig Wert auf genügend Grünflächen gelegt worden. 

Ärger über geschlossene Hausartpraxen

Häsler konnte ebenso nicht nachvollziehen, warum es im vergangenen Jahr gleich zur Schließung von drei Hausarztpraxen kommen konnte. „Das war doch keine Überraschung, denn die Mediziner waren alle über 70 Jahre alt. Dass die bald in Rente gehen würden, war absehbar. Da hätte man sich viel früher darum kümmern müssen, junge Ärzte nach Selbold zu holen.“

Die anderen drei Kandidaten setzen nun vor allem auf das neue Gesundheitszentrum, das laut Greuel im Herbst 2021 stehen soll. „Mit seinen großzügigen Räumlichkeiten ist es ideal für die Ansiedlung neuer, junger Ärzte“, zeigte sich auch Dillmann überzeugt.

Thermo Fisher: Dillmann tritt in Fettnäpfchen

Dieser sorgte aber für die größte Irritation des Abends. Wohl in Unkenntnis der Mitteilung der IG Metall, die am Dienstagmittag veröffentlicht wurde und darüber informierte, dass es zwar einen Kompromiss zwischen Betriebsrat und Geschäftsführung von Thermo Fisher gibt, aber dennoch 80 Arbeitsplätze nach Schottland und Ungarn verlagert werden, verlas Dillmann seine Pressemitteilung über ein Gespräch mit dem Selbolder Geschäftsführer Elmar Rübsam.

Dieser habe ihm berichtet, dass sich der Selbolder Standort gut entwickele und weiter wachse. Das dürften die bald von Arbeitslosigkeit betroffenen Thermo-Mitarbeiter sicher ganz anders sehen. Greuel nutzte dann auch Dillmanns Fauxpas und informierte den Saal über die Mitteilung der Gewerkschaft.



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