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Schüsse in Wächtersbach: Stammte der Täter aus Erlensee?

Wächtersbach

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    In dieser Kneipe soll Roland K. vor und nach der Tat geprahlt haben. Foto: Privat
  • Der Bauchschuss auf einen 26-jährigen Eritreer in Wächtersbach war nach ersten Erkenntnissen rassistisch motiviert. Foto: Andreas Ziegert

Wächtersbach. Nach den Schüssen auf einen 26-jährigen Mann aus Eritrea am Montag in Wächtersbach sind weitere Hintergründe bekannt geworden. Offenbar ist der Täter vor zwei Jahren aus Erlensee nach Biebergemünd gezogen.

Artikel vom 23. Juli 2019 - 14:40

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Laut einem Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt hat sich der Verdacht auf einen rechtsextremen Hintergrund erhärtet. Bei dem Täter handelt es sich um einen 55-jährigen Deutschen aus Biebergemünd, der dort etwa drei Stunden nach den Schüssen am Ortsrand in einem Pkw aufgefunden wurde. Bei einer anschließenden Durchsuchung seiner Wohnung wurden mehrere Waffen entdeckt.

Nach Informationen des Hessischen Rundfunks ist Roland K. vor zwei Jahren von Erlensee nach Biebergemünd-Wirtheim gezogen.

Die Schüsse fielen kurz nach 13 Uhr in einem Industriegebiet in Wächtersbach. Die Ermittler gehen bislang davon aus, dass der 55-Jährige mit seinem Pkw herumfuhr und nach einem Opfer suchte. Den Mann aus Eritrea wählte er aufgrund seiner Hautfarbe aus. „Er war ein Zufallsopfer“, erklärte Oberstaatsanwalt Alexander Badle von der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt in einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz am Dienstag.

Der Täter schoss mit einer halbautomatischen Neun-Millimeter-Pistole, der 26-Jährige erlitt einen Bauchdurchschuss. Er wurde in einem Krankenhaus notoperiert und schwebt nicht mehr in Lebensgefahr. Zeugen hatten die Tat beobachtet und sofort Rettungskräfte und Polizei alarmiert. Diese schnelle Hilfe hat dem Mann vermutlich das Leben gerettet.

Waffen bei Wohnungsdurchsuchung gefunden

Der Täter flüchtete zunächst in unbekannte Richtung, gegen 16 Uhr wurde dann ein Fahrzeug am Ortsrand von Biebergemünd-Kassel entdeckt. Eine Verfolgungsjagd hat laut Angaben der Polizei nicht stattgefunden. „Die Fahndung verlief ganz ruhig und über kommunikative Mittel ab“, so Oberstaatsanwalt Badle weiter. Spezialkräfte der Polizei aus Frankfurt wurden hinzugezogen, umstellten den silbernen Pkw und fanden darin den leblosen 55-jährigen Mann. Reanimationsversuche blieben erfolglos. Er hatte sich mit einer halbautomatischen Waffe vom Kaliber 45 in den Kopf geschossen.

 

Bei der Wohnungsdurchsuchung fand die Polizei anschließend eine weitere halbautomatische Pistole sowie zwei Langwaffen. Zudem hatte der 55-Jährige kurz vor der Tat eine weitere Pistole verkauft, die ebenfalls von der Polizei sichergestellt wurde. Sowohl der Waffenbesitz als auch der Verkauf seien legal gewesen, so Badle weiter. Der Täter soll Mitglied in einem Schützenverein und deshalb im Besitz von insgesamt sechs Waffen und Munition gewesen sein. In seiner Wohnung fanden die Ermittler auch einen Abschiedsbrief, ob er sich darin zu seinem Motiv äußerte, ist bislang nicht bekannt.

Zur Mahnwache aufgerufen

Allerdings wurden bei der Wohnungsdurchsuchung laut Generalstaatsanwaltschat konkrete Hinweise auf einen rechtsextremen Hintergrund für die Tat gefunden. Ob der 55-Jährige auch Kontakte in entsprechende Kreise pflegte, wollen die Ermittler nun prüfen. Polizeilich in Erscheinung getreten sei er bislang nicht.

Wächtersbachs Stadtverordnetenvorsteher Gerhard Koch, Bürgermeister Andreas Weiher gemeinsam mit Landrat Thorsten Stolz sowie die Kirchen im Stadtgebiet rufen zu einer Mahnwache am heutigen Abend  ab 19 Uhr am Ort des Geschehens (Industriestraße 6, 63607 Wächtersbach) auf, teilt die Stadt Wächtersbach auf ihrer Website auf. Die Bevölkerung ist unter dem Titel „Kein Platz für Rassismus“ eingeladen dem Opfer und seiner Familie zu gedenken und ein Zeichen zu setzen gegen rassistische Gewalt, heißt es dort.

Gemeinsame Presseerklärung

Der Kreisausschuss des Main-Kinzig-Kreises sowie die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister im Kreisgebiet verurteilen den rassistisch motivierten Angriff. Landrat Thorsten Stolz für den Kreis, Erlensees Bürgermeister Stefan Erb als Sprecher der Bürgermeisterkreisversammlung und Wächtersbachs Rathauschef Andreas Weiher sehen „eine Attacke nicht nur gegen einen Einzelnen, sondern willkürlich gegen alles Fremde“.

„Diese Tat ist schrecklich, zunächst mal ganz unabhängig von den Motiven und Hintergründen. Wir hoffen, dass der junge Mann wieder rasch gesund wird und wünschen ihm das Allerbeste“, so Stolz, Erb und Weiher. Sie setzen darauf, dass die Polizei die Hintergründe zügig aufklärt.

 

Ein Mordversuch an einem Menschen aufgrund seiner Herkunft, seiner Hautfarbe oder persönlichen Orientierungen sei stets ein Angriff auf eine pluralistische Gesellschaft, halten Stolz, Erb und Weiher fest. „Auf dem Boden des Grundgesetzes leben wir in Frieden, Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, und diese Errungenschaften verteidigen wir mit allen demokratischen Mitteln. Keine Form von Gewalt, ob nun aus politischen, religiösen oder anderen Motiven, kann ein Mittel der öffentlichen Auseinandersetzung sein, sie wird in dieser Gesellschaft abgelehnt und strafrechtlich verfolgt“, schreiben sie in der gemeinsamen Mitteilung.

„Wenn sich die Hinweise verdichten, dass der Täter aus rechtsradikaler Weltanschauung heraus und aus Fremdenhass gehandelt hat, dann muss auch das Umfeld beleuchtet werden: Gab es ein breiteres Netzwerk, einen Kreis Gleichgesinnter, der die Tat beförderte?“, so die Politiker aus dem Main-Kinzig-Kreis weiter, zumal auch die vermeintliche Tat eines einzelnen Rechtsextremen gegen den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke durch das Umfeld begünstigt worden sei. „Derlei Strukturen sind brandgefährlich und werden nicht geduldet. Hier muss die Gesellschaft als Ganzes mit ihrem Rechtsstaat klare Kante zeigen“, heißt es in der Erklärung.

Angriff verurteilt

Die Kreistagsfraktion der Linken verurteilte den "rassistisch motivierten Mordanschlag aufs Schärfste": „Zu allererst gilt es an das unschuldige zufällige Opfer zu gedenken und ihm gute Besserung und schnelle vollständige Genesung zu wünschen", wird Müller laut Pressemitteilung zitiiert. „Anscheinend bewahrheitet sich der Verdacht, dass der mutmaßliche Täter aus rassistischen Motiven heraus handelte, dann wäre dies, nach dem Mord an Walter Lübcke, der zweite rechtsextreme Mordanschlag in Hessen innerhalb von wenigen Wochen.“ Die Linke weist auch darauf hin, dass es nicht der erste rechtsextrem motivierte Mordanschlag war, der an einem 22. Juli verübt wurde: Am 22. Juli 2011 ermordete Andreas Breivik 77 Menschen in Norwegen, genau fünf Jahre später erschoss ein vermutlicher Neonazi neun Menschen in einem Münchener Einkaufszentrum. 

Auch Bundestagsabgeordnete Dr. Katja Leikert nahm zu dem Angriff in Wächtersbach Stellung. az/lg

 



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