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Jörg Sommerschuh ist ein unentbehrlicher Kollege

Hanau

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    Arbeiten Hand in Hand: André Studier (von links), Chefin Jessica Lipps und Jörg Sommerschuh sowie die BWMK-Betreuer Gregor Karpowicz und Cathrin Ziegler. Foto: Mike Bender

Hanau. Das Behinderten-Werk Main-Kinzig (BWMK) beschäftigt über 1000 Menschen in seinen Werkstätten. Langfristiges Ziel ist es, die Menschen wieder auf dem Arbeitsmarkt zu integrieren. 

Artikel vom 01. Juli 2019 - 14:13

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Von Christine Semmler

Jörg Sommerschuh ist einer der rund 100 Mitarbeiter, die den Absprung in ein externes Unternehmen geschafft haben. Das Modell der betriebsintegrierten Beschäftigung bietet ihm und seinem Arbeitgeber, dem Mühlheimer Karosserie- und Lackiercenter Lipps, viele Vorteile. 

Um 7 Uhr am Morgen beginnt Jörg Sommerschuhs Arbeitstag beim Lipps Karosserie- und Lackiercenter. Der 47-Jährige ist immer einer der Ersten: Während die Kollegen langsam eintrudeln, hat er schon den Hof gekehrt.

Unterschiedliche Helferaufgaben

„Dann bestelle ich für alle Frühstück“, erzählt der 47-jährige Bruchköbeler. Jeden Tag gegen 8.15 Uhr befindet er sich schon auf dem Weg zum Bäcker, außer freitags. „Dann gibt es Frühstück vom Chef“ – und das gibt es vom Metzger. Sommerschuh weiß immer genau, was er zu tun hat: Ein kleiner laminierter Ringblock, den er immer in der Tasche seiner blauen Arbeitshose trägt, ist seine Gedankenstütze. „Denn ich bin ein bisschen vergesslich“, sagt er schmunzelnd. Jeder Werktag ist hier festgehalten, jeweils mit einer eigenen To-do-Liste, die er im Lauf des Tages mit einem abwaschbaren Marker abhakt. 

Der wichtigste Job, den Sommerschuh hat, ist die rund 40 Pflanzen im Betrieb zu gießen und sich um die Grünanlagen auf dem Gelände zu kümmern. Denn die Seniorchefin, eine gelernte Floristin, legt viel Wert auf gepflegtes Grün im Betrieb. Dazu kommen die unterschiedlichsten Helferaufgaben. Sommerschuh entsorgt die Verpackungskartons, füllt Pasten auf, räumt die Spülmaschine ein und aus.

Seit zehn Jahren im Betrieb

Und wenn er dann noch Zeit hat, hilft er den Kollegen in der Werkstatt. „Eine Stoßstange oder ein Lenkrad reparieren kann man nur zu zweit“, sagt er. 

Sommerschuh arbeitet seit fast zehn Jahren bei der Firma Lipps und hat sich dort inzwischen durch seinen Arbeitseifer und seine lässig-sympathische Art unersetzlich gemacht. „Wenn Jörg Urlaub hat, dann fehlt einer“, sagt Jessica Lipps. Die Chefin, die den 28-Mann-Betrieb mit ihrem Bruder Christopher führt, schätzt ihren Mitarbeiter sehr: „Er ist zuverlässig und fleißig, Außerdem ist er immer pünktlich und integriert sich super ins Team.“ Auch Sommerschuh fühlt sich offensichtlich sehr wohl. Im Gespräch klingt es fast so, als wären die Chefin und er schon lange gute Freunde. 

Als Sommerschuh 2009 in der Firma vorstellig wurde, hatte er bereits eine Menge Arbeitserfahrung – als Bäcker. Fast 18 Jahren arbeitete er in diesem Beruf, den er auch gelernt hat. Aber das war aufgrund seiner angeborenen Behinderung in der Fein- und Grobmotorik nicht immer einfach. „Ich kann zum Beispiel Mehl und Wasser vom Gefühl her nicht auseinanderhalten“, erklärt er. Auch Stress tue ihm nicht gut und deshalb sei er manchmal etwas langsamer gewesen als die Kollegen. 2008, er hatte eben eine Stelle im fernen Südtirol angetreten, nahmen Überlastung, Einsamkeit und Heimweh überhand: Sommerschuh wurde psychisch krank. „Ich konnte nicht mehr arbeiten“ erinnert er sich. So landete er in der Großauheimer Werkstätte des Behinderten-Werks Main-Kinzig (BWMK). 

Der Zufall wollte es, dass in der Mühlheimer Firmenchefin Jessica Lipps just zu der gleichen Zeit ein Vorhaben wuchs. „Ein bekannter Kollege in Osnabrück hatte einen Mitarbeiter mit Behinderung eingestellt und ich fand das toll“, sagt sie. Also fragte sie beim BWMK nach, ob es dort einen geeigneten Mitarbeiter für ihre Firma gebe. Es dauerte nicht lange, dann schauten die ersten Bewerber vorbei.

"Betriebsintegrierte Beschäftigung"

Jörg Sommerschuh war der dritte. „Erst habe ich mich gefragt: Wo bin ich denn hier gelandet?“, erinnert er sich schmunzelnd. „Aber dann dachte ich, ich probiere es mal.“ Einem längeren Praktikum folgte ein dauerhafter Beschäftigungsvertrag. Sommerschuh ist nach wie vor beim BWMK beschäftigt und wird quasi dauerhaft an die Firma Lipps verliehen. Das Unternehmen zahlt dafür eine feste monatliche Pauschale, die nicht an den Mindestlohn gebunden ist. Sommerschuhs Verdienst ist nicht hoch. Aber dank einer zusätzlichen Erwerbsminderungsrente reicht das Geld zum Leben. 

Das Modell der „betriebsintegrierten Beschäftigung“ hat für beide Seiten Vorteile. Denn das BWMK kümmert sich nach wie vor um alle Belange des Mitarbeiters. Direkter Ansprechpartner ist Integrationsbegleiter Gregor Karpowicz: Mindestens einmal im Monat schaut er im Betrieb vorbei, wenn es Gesprächsbedarf gibt, auch öfter. Karpowicz ist für alle Arbeitnehmer zuständig, die einer betriebsintegrierte Beschäftigung über das BWMK nachgehen.

Auch zum Interviewtermin von Jörg Sommerschuh ist Karpowicz gekommen und erklärt gleich selbst, was seinen Job ausmacht: „Ich unterstütze Herrn Sommerschuh bei der Urlaubsplanung, moderiere bei Konflikten oder unterstütze ihn bei Fragen im Arbeitsalltag“, sagt er. Die Idee des laminierten Ringblocks, zum Beispiel, stamme auch von ihm. 

Von den 1200 Mitarbeitern in den acht Werkstätten des BWMK arbeiten rund 100 in einem Betrieb der freien Wirtschaft, erläutert BWMK-Arbeitsassistentin Cathrin Ziegler. „Diese Klienten übernehmen wichtige Arbeiten im Betrieb, für die man nicht unbedingt eine Ausbildung braucht.“ Wenn solche Routineaufgaben abgedeckt seien, entlaste das das Fachpersonal oft deutlich. „Manchmal wollen Arbeitgeber unsere Mitarbeiter auch in ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis einstellen. In den vergangenen Jahren schafften das fünf bis sieben Mitarbeiter pro Jahr“, sagt Ziegler.

To-do-Liste erweitert

Mit der recht niedrig klingenden Vermittlungszahl stehe das BWMK immer noch gut da: Der allgemeine Arbeitsmarkt biete einfach nicht genug Arbeitsmöglichkeiten für Menschen mit Handicap. Werkstätten und andere Beschäftigungsmodelle seien unverzichtbar, um den Menschen Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen. 
Und doch gibt es immer wieder Glücksfälle wie der von Jörg Sommerschuh: Inzwischen arbeiteten Menschen mit Handicap in Firmen aller Branchen und aller Größenordnungen. 

Auch Sommerschuh ist buchstäblich in seinen Job hineingewachsen. „Anfangs hatte er nur fünf Positionen in seiner To-do-Liste“, erzählt Jessica Lipps. „Er hat sich dann selbst Arbeiten gesucht, mit denen er uns unterstützen kann.“ Mit der Zeit haben er und seine Kollegen gelernt, was ihm liegt und was nicht. „Autos zu waschen zum Beispiel“, sagt Sommerschuh, „hat nicht so gut geklappt. Aber Staubsaugen geht gut.“

Musikalische Hobbys

Wenn zum Beispiel Unkrautjäten auf dem Plan steht, weiß Jessica Lipps inzwischen, dass sie die Beet-Bereiche abteilen muss, damit Sommerschuh besser den Überblick behält. Und auch dass Stress nicht Jörg Sommerschuhs Sache ist, wissen inzwischen alle und richten sich danach. 

Und um 15 Uhr hat Jörg Sommerschuh Dienstschluss und fährt mit der Bahn nach Hause. Dann hat Zeit für seine Hobbys: Er spielt Posaune und Baritonhorn, fährt viel Fahrrad und geht ins Fitnessstudio. Er führt wieder ein ganz normales Leben.

Unternehmen, die sich für die  Einstellung eines Mitarbeiters mit Behinderung interessieren, können über die Arbeitsassistenz des BWMK ersten Kontakt aufnehmen. 
Telefon: 0 60 51/9 21 85 00
E-Mail: awm@direct-bz.de


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