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Salz und Sole - so punktet Bad Orb

Bad Orb

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    Das Gradierwerk in Bad Orb zieht Besucher aus nah und fern an. Foto: Bad Orb Marketing Gmbh

Bad Orb. "Kurstädte sind Spitzenreiter bei den Übernachtungen im Main-Kinzig-Kreis." Diese Meldung der Spessart-Tourismus GmbH in Gelnhausen vom Februar ließ aufhorchen. 

Artikel vom 28. Juni 2019 - 15:26

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Von Reinhold Schlitt

Heilbäder, denen die Gesundheitsreformen von 1997 und 2004 einen drastischen Rückgang der Kurgastzahlen und an einigen Standorten das Aus ganzer Kurkliniken bescherten, rangieren in der Übernachtungsstatistik wieder ganz vorn. Das gilt auch für Bad Orb, das im vergangenen Jahr mit knapp 466 000 Übernachtungen in allen Beherbergungskategorien Spitzenreiter im Main-Kinzig-Kreis war. Gleichwohl – der Aufwärtstrend bei den Gästezahlen ist schon seit Jahren zu beobachten, allerdings auf einem wesentlich niedrigeren Niveau als vor 20 Jahren.

„Morgens Fango, abends Tango“ – dieser Ruf eilte vielen deutschen Heilbädern über Jahrzehnte voraus. Es war die Zeit, in der ganz überwiegend Mitglieder der Kranken- und Rentenversicherungen als Patienten die Kurorte bevölkerten. Doch das ist lange vorbei. Seit der Gesetzgeber die Leistungen für Kur- und Reha-Aufenthalte ganz erheblich zusammenstrich, seit Tausende Vertragsbetten in den Kurkliniken gekündigt und Kurkliniken geschlossen wurden, brachen die Kurgastzahlen in vielen Heilbädern dramatisch ein. Auch in Bad Orb, wo wenigstens die damals schon privat betriebenen drei Kurkliniken bis heute erhalten blieben.

Die Kurstadt im Spessart hat in ihren besten Zeiten rund 1,5 Millionen Übernachtungen jährlich gezählt. Ende 2018 waren es 466 000 Übernachtungen. 

Die Geschäftsführer der Kurgesellschaften haben hier wie andernorts gewissermaßen eine neue Zeitrechnung eingeführt – die Zeit nach der großen Kurgast-Delle infolge der Gesundheitsreformen. Für Bad Orb und Bad Soden-Salmünster im Spessart sowie hessenweit bedeutet dies: Seit rund zehn Jahren gibt es überall einen Aufwärtstrend. „Der Spitzenwert von 2018 für Bad Orb steht in einer Reihe von Zuwächsen seit 2009 und ist deswegen kein Ausreißer“, gibt der Geschäftsführer von Bad Orb Kur GmbH und Bad Orb Marketing GmbH, Dr. Dirk Thom zu bedenken. 

Leicht war es für die Orber aber auch nach der „Zeitenwende“ nicht. Als seinerzeit die alte Therme abgerissen werden musste, stand der Kurort jahrelang ohne dieses so wichtige Heilmittel dar. Auch das kostete Kurgäste und Tagesbesucher. Längst gibt es die neue Toskana-Therme. Deren sowohl therapeutisches als auch themenzentriertes Angebot ist voll eingebunden in ein Konzept, das jenseits des rar gewordenen klassischen Kurgastes auch ein jüngeres und gesundheitspräventives Publikum anspricht. In der Toskana-Therme nennen sie das Salzwasser auch schon mal Champagnersole, locken sie Kulturbegeisterte in Badehose mit Unterwassermusik (Liquid-Sound) und eine große Münchner Tageszeitung machte hier unlängst gar „einen Hauch von 'La Dolce vita' im Main-Kinzig-Kreis“ aus. 

Doch die Pläne der Orber Kurtourismusmanager gehen viel weiter. Da geht es um eine noch bessere Vermarktung der exzellenten Wanderwege im Spessart ebenso wie um die Etablierung des Mountainbike-Sports, der bislang eher im vor- und hochalpinen Gebiet verbreitet ist und hier für zusätzliches Publikum sorgen könnte.

„Dieser Sport hat auch in unseren Mittelgebirgen seinen Platz“, sagt der Geschäftsführer des Kurbetriebs.
Also bietet sich Bad Orb als Ausgangspunkt auch für Mountainbike-Aktivisten im Spessart an, auf die sich dann auch der Einzelhandel, die Gastronomie und die Beherbergungsbetriebe einstellen müssen.

Neue Ideen sind sowieso gefragt, denn den klassischen Kurgast gibt es hier kaum noch. Auch wird der Jahresurlaub immer häufiger in kleinere Zeitabschnitte aufgeteilt und weniger häufig für einen Aufenthalt in einem Kurort genutzt. Das merkt auch die Orber Hotellerie, wo die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Gäste von mehreren Wochen auf durchschnittlich fünf bis sechs Tage gesunken ist. Dr. Thom: „Die Bedingungen für die Heilbäder haben sich insgesamt deutlich verändert.“ Inzwischen läge der Altersdurchschnitt zwischen 45 und 65 Jahren, heißt es. „Die Entwicklung stellt uns vor die Frage, welches auch zusätzliche thematische Angebot bis hin zu Wellness wir für den Gast vorhalten.“ 

Doch egal, wie das touristische und gesundheitspräventive Profil der Kurstadt sich noch verändert: Die vorhandenen Gästebetten – neben den rund 1000 privaten Klinikbetten sind dies noch einmal rund 1000 Betten – reichen längst nicht mehr aus. Damit nicht genug, sorgt sich der Kur‧betriebsmanager vor allem auch um jene kleinen und familiär geführten Beherbergungsbetriebe, für die es in der Perspektive keine Nachfolger gibt und die dann vielleicht umgewidmet würden. 

Ein Hotelneubau im Drei- bis Vier-Sterne-Service- und preissegment wäre nach Meinung Thoms ein richtiger Schritt. Die Diskussion darum ist freilich nicht neu. Doch jetzt scheint Bewegung in die Hotel-Debatte zu kommen, wie die jüngste Bad Orber Stadtverordnetensitzung von Ende Mai zeigt. Thom sieht eine Dringlichkeit: „In einem vereinten Europa muss sich auch unsere Kurstadt weiteren Gästegruppen öffnen. Bad Orb kann sich auch nicht mehr nur mit Bad Lippspringe oder Bad Oeynhausen vergleichen, sondern muss dies auch mit attraktiven Kurorten in anderen EU-Ländern tun.“

Damit nicht genug, fügt er mahnend hinzu: „Wenn Sie heute für 300 Euro rund um die Welt fliegen können und Ihnen irgendwo ein billiger Wellness-Urlaub angeboten wird, dann zeigt dies, in welche Richtung wir uns hier bewegen müssen.“ Immerhin befindet sich der Kurort dabei auf einem guten Weg, wie die steigenden Gästezahlen zeigen. 



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