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Katja Leikert - Wahl zur Kreisparteivorsitzenden am Freitag

MainKinzigKreis

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    Seit fast fünf Jahren ist Katja Leikert das Gesicht der CDU Main-Kinzig in Berlin, jetzt soll sie auch Parteivorsitzende werden. Archivfoto: Privat

Main-Kinzig-Kreis. Es sind schwierige Tage für Katja Leikert. Die CDU Main-Kinzig, Leikerts politische Heimat, die Basis, die sie 2013 erst in den Bundestag gebracht hat, ist so zerrissen wie nie zuvor.

Artikel vom 02. Mai 2018 - 10:53

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Von Yvonne Backhaus-Arnold

Beim Parteitag Mitte März wurde der Parteivorsitzende Johannes Heger nicht wiedergewählt. Keiner wusste, wer überhaupt für die Posten im Vorstand kandidieren würde. Die Veranstaltung in Rodenbach wurde abgebrochen. Nun soll es reibungslos laufen – mit Bewerberlisten und Leikert als Kandidatin für den Vorsitz. Sie hat sich beworben, hatte genug von der Lamentiererei und Sätzen wie „Was ist denn bei der CDU los?“ oder „Da läuft ja gar nichts.“ Bisher ist sie die einzige Kandidatin. Dass am Freitagabend in der Klosterberghalle in Langenselbold plötzlich noch andere auftauchen, darf bezweifelt werden. „Da traut sich doch keiner“, sagt ein Kritiker.

Nach dem desaströsen Parteitag gab es viele Anrufe auf Leikerts Handy, die meisten verbunden mit der Bitte, dass sie kandidieren solle für den Parteivorsitz. Die Mutter zweier Töchter, die 2017 zum zweiten Mal in den Bundestag gewählt wurde und seit einigen Wochen stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Union im Bund ist (Schwerpunkt Europa), hat nicht gleich zugesagt, sondern sich erstmal besprochen – mit der Familie, mit politischen Weggefährten. Auch der Name des hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier fällt in diesem Zusammenhang. Vielleicht ein Anruf, ein kurzes Telefonat? Denkbar ist es, immerhin wäre etwas Ruhe innerhalb der CDU im größten Kreis Hessens durchaus wünschenswert – so kurz vor der Landtagswahl.

Leikert hätte sich Amt vor ein paar Jahren noch nicht zugetraut
Beim Gespräch mit unserer Zeitung im Wahlkreisbüro in Bruchköbel erklärt Leikert, dass sie sich den Parteivorsitz vor drei oder vier Jahren noch nicht zugetraut hätte. Heute sei das anders. Heute traue sie sich das zu. Mit „das“ meint sie das Amt, das Organisatorische. Der Rest müsse von der Partei kommen. Erfahrungen hat sie gesammelt, deutlich an Profil gewonnen. Sie kann die Gesprächspartner abholen, trifft den Ton, wirkt offen. Leikert war Spitzenkandidatin im Kommunalwahlkampf 2016, bei dem die CDU deutlich hinter der SPD zurückblieb.

Ein Jahr später wurde sie wiedergewählt als Bundestagsabgeordnete des Wahlkreises 180, dem neben Hanau und Maintal, den beiden größten Städten im Main-Kinzig-Kreis, dem auch die Kommunen Bruchköbel, Erlensee, Großkrotzenburg, Hammersbach, Hasselroth, Langenselbold, Neuberg, Nidderau, Niederdorfelden, Rodenbach, Ronneburg und Schöneck angehören. Der Fraktionsvorsitzende Michael Reul geht jedenfalls davon aus, „dass sie am Freitag mit großer Mehrheit gewählt wird“.

Jeder könnte Termine übernehmen
Der Parteivorsitz werde keine One-Woman-Show, sagt Leikert. 23 Wochen im Jahr ist sie in der Hauptstadt. Berlin-Hessen, Hessen-Berlin: Wie soll dieser Spagat funktionieren? Leikert lacht. Nein, sie habe nicht vor, Freitagabends aus Berlin nach Hause zu kommen, um sich Samstag und Sonntag wieder von dort zu verabschieden und Termine für die Kreis-CDU wahrzunehmen. Leikert sagt das ohne zu zögern, verweist auf den Kreisvorstand und dessen Mitglieder. Termine übernehmen könnten schließlich alle.

Die 43-Jährige ist eine kluge Frau. Sie weiß, dass sie eine starke Basis braucht für ihre eigene politische Zukunft. Sie weiß auch, dass das politische Berlin ihr Engagement in der Heimat mit Respekt zur Kenntnis nehmen wird. Die Schwächen ihrer Partei vor Ort hat sie längst analysiert. Aufgestauter Frust. Kein Diskurs. Schlechte Verlierer. Die CDU Main-Kinzig müsse das Ziel verbinden, nicht als Looser-Truppe dazustehen, sondern wieder inhaltlich Gas zu geben.

Lieber direkt als hintenherum
Sie wünscht sich einen besseren Austausch, hat vor, pro Jahr drei bis vier große Kreiskonferenzen mit und für alle 28 Stadt- und Gemeindeverbände zu veranstalten – mit den Bürgermeistern, den Ortsvorsitzenden, allen, die Lust haben zu kommen und mitzudiskutieren. Sie wünscht sich, dass ihr Telefon klingelt, wenn jemanden der Schuh drückt. Motto: Lieber direkt als hintenherum. Dazu passt auch die Aussage, dass sie sich gute Verlierer wünscht. Ob sie selbst eine gute Verliererin ist – da gehen die Meinungen auseinderander.

Bisher gehört Leikert zu den Gewinnerinnen. Rückblende, Herbst 2012: Das Praktikum beim Bundestagsabgeordneten Dr. Peter Tauber in Berlin liegt gerade einmal sechs Monate zurück, da lädt er die promovierte Politologin, die in Neustadt an der Weinstraße geboren ist und vorher an der TU Kaiserlautern als Freie Mitarbeiterin gearbeitet hatte, zum Essen ein. In Bruchköbel, wo Familie Leikert mit ihren zwei kleinen Kindern lebt. Tauber fragt: „Würdest du hier meinen Job machen?“ Was übersetzt genau so viel bedeutet, wie: die Spitzenkandidatur für die CDU bei der Bundestagswahl 2013 übernehmen. Eine Überraschung für die junge Frau, die mit Politik bisher nur theoretisch zu tun hatte, ein Forschungsgegenstand. Ihre Dissertation untersucht das Verhältnis der Amerikaner zu Iran und zu Nordkorea. Doch erst die Widrigkeiten bei der Suche nach einem Betreuungsplatz in Bruchköbel haben sie dazu gebracht, sich in einer Elterninitiative zu engagieren. Sie trat in die CDU ein, dann das Praktikum in Berlin, die Frage, die Nominierung. Leikert holte das Mandat mit 44 Prozent der Erststimmen. Der Rest ist Geschichte.

Lob für Koalitionsvertrag
Katja Leikert lobt den Koalitionsvertrag mit der Kreis SPD und Michael Reul, den Verhandler des Papiers. Möglicherweise ist genau er Leikerts größtes Problem auf dem Weg zu einer neuen CDU. Als es vor einigen Tagen in der Fraktion um die Position des hauptamtlichen Kreisbeigeordneten ging, gab es fünf Bewerber. Einen Kandidaten, Daniel Weber aus Bruchköbel, hatte Leikert selbst wenige Tage zuvor motiviert, sich zu bewerben.

Die Sitzung schritt auf Mitternacht zu, ein taktisches Spiel. Wahl, ja oder nein? Leikert setzte sich für einen neuen Termin ein, Reul wollte die Wahl „durchboxen“ wie Kritiker sagen. Die Frau, die in wenigen Tagen den Vorsitz der Partei übernehmen soll, blieb ungehört, ebenso wie ihre strategischen Pläne.

Neu gegen alt?
Bestimmt nicht üblicherweise der Parteivorsitzende den Kurs? Leikerts Stimme jedenfalls hatte kein Gewicht an diesem Abend, Weber erhielt sechs Stimmen, Reuls Kandidat Winfried Ottmann 16. Neu gegen alt? Fraktion gegen Partei? Als Außenstehender könnte man es so sehen. „Ich wäre nicht mehr angetreten als Parteivorsitzende“, sagen politische Weggefährten anschließend. „Wer Katja Leikert an der Spitze möchte, darf das nicht nur nach außen kommunizieren, sondern muss sie auch nach innen unterstützen“, sagen andere.

Leikert hat schwierige Tage hinter sich, aber noch viel schwierigere vor sich. Sie muss die Kritiker überzeugen, die, die in ihr keinen Neuanfang, sondern nur den verlängerten Arm des ehemaligen CDU-Generalsekretärs sehen. Und sie muss die gewinnen, die ihre Felle davonschwimmen sehen in einer neuen CDU, die Angst haben, ihre Pfründe zu verlieren.

Die Grabenkämpfe, die es 2013 in der Frauen-Union gab, finden heute in anderen Bereichen statt. Das System Tauber/Reul trägt, und Leikert hat es bisher unterschätzt – zumindest bis zur Wahl des hauptamtlichen Kreisbeigeordneten. Die Quereinsteigerin, die einige als kühl und distanziert beschreiben, braucht einen langen Atem, um die CDU wieder auf die Beine zu bringen. Gerade mal noch 2000 Mitglieder hat die Volkspartei zwischen Maintal und Sinntal. Leikert hat einiges zu tun, damit die CDU nicht weiter verliert – Vertrauen und Mitglieder.

 



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