Lesezeichen hinzufügen hanauer.de als Startseite
bedeckt
6 ° C - bedeckt
» mehr Wetter

Das sagen Sportler aus der Region zum Thema Depressionen

Hanau

Region Hanau. Am 9. November 2009 nahm sich der deutsche Nationaltorhüter Robert Enke das Leben. Auch heute, zehn Jahre nach dem Suizid, sind Depressionen im Sport noch ein Tabuthema. Wir haben Sportler aus der Region zu dem Thema befragt.

Artikel vom 07. November 2019 - 14:08

Anzeige

„Ein Umdenken muss stattfinden“ (Ex-Bundesligaspieler Daniel Wernig)

Daniel Wernig (31) ist Drittliga-Handballer der HSG Hanau und spielte davor lange Jahre für den TV Hüttenberg in der 1. und 2. Liga:

„Die Gefahr, dass Depressionen wie bei Robert Enke im Verein nicht wahrgenommen werden, ist noch immer groß. Da ist es wichtig, jeden Einzelnen wertzuschätzen, als Trainer, als Mannschaft, als Verein. Denn selbst wenn es Ansprechpartner im Verein gibt, ist es die Frage, ob man sich den Schritt traut, das anzusprechen, ob man damit Schwäche oder Stärke demonstriert.

Hier muss auf jeden Fall ein Umdenken stattfinden. Durch die sozialen Medien hat das Thema eine höhere Wirksamkeit für uns, es prasselt einfach mehr auf einen ein. Junge Sportler müssen den Umgang damit genauso lernen wie den Sport. Die belastendste Zeit in meiner Karriere war vor drei Jahren, als wir mit dem TV Hüttenberg um den Aufstieg in die 1. Liga gekämpft haben. Am Ende ist er uns gelungen, aber in jedem entscheidenden Spiel konnte man den medialen, den finanziellen und den Druck aus der Mannschaft heraus spüren.

Wir haben sieben bis acht Mal in der Woche trainiert und nebenbei habe ich 40 bis 50 Stunden in der Immobilienverwaltung gearbeitet. Das waren vier bis sechs sehr intensive Wochen, in denen ich mental an meine Belastungsgrenze gelangt bin. Da muss jeder sein eigenes Rezept finden, damit umzugehen. Für mich waren es meine Familie und Freunde, die mir Freiräume gegeben haben.“

 

„Wüsste nicht, wie man das erkennt“ (White-Wings-Profi Till-Joscha Jönke)

Till-Joscha Jönke (27) ist Spielführer der ProB-Basketballer Ebbecke White Wings:

„Ich empfinde den Leistungsdruck eher als Nervosität oder Anspannung vor dem Spiel, aber sobald ich auf dem Feld stehe, fällt alles von mir ab. Ich habe das große Glück, dass ich meine Leidenschaft zum Beruf machen konnte und sehe immer auch den Spaß daran. Seit zwölf Jahren bin ich jetzt Basketballer, jedes Spiel ist zwar immer anders, aber auch in gewisser Weise gleich.

Ich versuche dann einfach immer 100 Prozent zu geben, aber es gehört auch dazu, dass es mal schlecht läuft. Am Ende wird man nach jedem Spiel in den sozialen Medien bewertet. Das ist eine Frechheit, wie beurteilt wird, da geht es nicht mehr um das Sportliche. Die Leute schreiben viel ungehemmter und anonymer. Ich kann mir schon vorstellen, dass das Menschen zerstören kann. Das Schlauste ist einfach, so etwas nicht zu lesen. Was man nicht sieht, kann einen auch nicht beeinflussen.

Ich sehe es als meine persönliche Verantwortung als Kapitän an, auf andere zuzugehen, wenn ich merke, dass es jemandem nicht gut geht. Dass jemand Depressionen hat, hab ich aber in meiner gesamten Karriere nicht mitbekommen. Ich wüsste auch gar nicht wirklich, woran man das erkennt. Meine größte Entlastung vom Beruf ist mein Zuhause, meine Frau und unsere zweijährige Tochter. Wenn die Aufmerksamkeit will, hast du ganz schnell alles andere vergessen.“​

 

„Solche Themen sind tabu“ Zweitliga-Fußballer Marcos Álvarez 

Marcos Álvarez (28) spielt für Fußball-Zweitligist VfL Osnabrück. Davor war der Neuberger unter anderem bei Eintracht Frankfurt:

„Der Druck im Profisport entsteht vor allem durch die Medien, die die Leistungen widerspiegeln. Da steht man oft in der Kritik. Das muss man filtern, ein dickes Fell haben und aufpassen, dass man sich selbst nicht zu viel Druck macht. Das ist natürlich nicht einfach im Sport. Wir haben Mannschaftspsychologen. Die bieten an einem Tag in der Woche eine Sprechstunde an.

Alle drei bis vier Monate finden Einzelgespräche statt. Aber Fußball ist schon immer noch ein harter Männersport und Themen wie Depressionen und Homosexualität sind da tabu. Spieler wollen nicht, dass so was an die Öffentlichkeit getragen wird. Das Thema ist durch Robert Enke natürlich auf extreme Art in die Öffentlichkeit gerückt. Die Spieler untereinander kriegen das oft nicht mit, wenn jemand unter Depressionen leidet.

Darüber spricht man nicht. Der Konkurrenzkampf ist sehr groß. Das Thema wird definitiv immer noch totgeschwiegen. Aber die Vereine haben schon reagiert und Ansprechpartner geschaffen.“​



Kommentare

Noch keine Kommentare vorhanden.