Daimler in Gefahr?

Die Entwicklung der Daimler-Aktie stellt selbst Börsenexperten vor Rätsel

  • Marleen van de Camp
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Die Aktie der Daimler AG ist seit dem 15. Mai auf einem Höhenflug. Der Grund für die überraschende Entwicklung an der Börse könnte wenig erfreulich für den Fahrzeughersteller aus Stuttgart sein.

  • Die Aktie der Daimler AG ist innerhalb von 13 Handelstagen um mehr als 20 Prozent gestiegen.
  • Der Aktienkurs des Automobilherstellers aus Baden-Württembergs Landeshauptstadt Stuttgart gibt selbst Börsenexperten Rätsel auf.
  • Für die Daimler AG droht eine Gefahr an der Börse: In China ist die Aktie des Autokonzerns sehr beliebt.

Stuttgart - Am 15. Mai lag die Aktie der Daimler AG (BW24* berichtete) bei 28,04 Euro. Am heutigen 3. Juni liegt das Wertpapier des Automobilkonzerns* bei 36,77 Euro. Das ist eine Steigerung von mehr als 20 Prozent innerhalb von 13 Handelstagen. Allein am zweiten Juni stieg der Kurs der Daimler-Aktie um fast zehn Prozent. Der Grund könnte alles andere als erfreulich für den Fahrzeughersteller aus der baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart* sein. 

Die Aktie der Daimler AG gibt selbst Börsenexperten Rätsel auf 

Der Aktienkurs der Daimler AG gibt Rätsel auf. Selbst Analysten können sich die aktuelle Entwicklung an der Börse nicht erklären. Dem Autoexperten Frank Schwope von der Norddeutschen Landesbank fallen immerhin drei mögliche Erklärungen ein, die einzeln oder im Zusammenspiel den rasanten Kursanstieg der Daimler-Aktie bewirkt haben könnten, wie das Handelsblatt berichtet. Auch wenn der Autogipfel, der am 2. Juni im Kanzleramt hätte stattfinden sollen, verschoben wurde und es somit vorerst keine Entscheidung über Staatshilfen für Fahrzeughersteller geben wird, könnten Verbraucher auf eine neue Abwrackprämie hoffen, die derzeit bei der Großen Koalition im Gespräch ist.

Die Daimler AG und Mercedes-Benz verkaufen soviele Autos wie nie - es kriselt trotzdem

Die Daimler-Aktie könnte dank einer Kooperation mit Renault im Aufschwung sein

Ein weiterer Grund für den steigenden Aktienkurs der Daimler AG könnte laut Schwope eine Aussage des Renault-Chefs Jean-Dominique Senard sein. Dieser hatte Ende Mai in einer Pressekonferenz gesagt, er hoffe, den Journalisten bald „sehr gute Nachrichten“ in Bezug auf die Daimler-Renault-Nissan-Allianz mitteilen zu können. Der deutsche und der französische Fahrzeughersteller kooperieren bereits seit 2010. In einem gemeinsamen Werk produzieren die Autohersteller* zum Beispiel Modelle beider Marken, wie den Renault Twingo und den Smart Fourfour oder die A-Klasse und den Infiniti Q30. Vielleicht hoffen Anleger an der Börse auf neue Fahrzeugmodelle oder Entwicklungen der Kooperation, sodass die Entwicklung der Daimler-Aktie an der Börse dadurch erklärbar ist. 

Daimler hat durch Dieselskandal und Corona mehr gelitten als andere Fahrzeughersteller

Der auffällige Aktienkurs der Daimler AG könne auch damit begründet werden, dass die Daimler-Aktie im Vergleich zu den Wertpapieren anderer Fahrzeughersteller „überproportional gelitten“ habe und sich jetzt erhole, wie Autoexperte Frank Schwope dem Handelsblatt sagte. Die Diesel-Affäre und das Coronavirus in Baden-Württemberg haben den Autohersteller aus Stuttgart mit voller Wucht getroffen*. Die aktuelle Marktkapitalisierung von 39 Milliarden Euro mache Daimler zu einem „Schnäppchen“, warnte Michael Brecht, Aufsichtsratsmitglied und Betriebsratsvorsitzender der Daimler AG, Ende März. Daimler seit massiv bedroht, zumal 95 Prozent der Jobs an einem Bereich hingen, den die Regierung zum Scheitern verurteilt hat

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Gefahr für die Daimler AG an der Börse: Die Aktie ist in China sehr beliebt

Die Gefahr, die nicht nur Michael Brecht aufgrund der niedrigen Bewertung der Daimler-Aktie an der Börse sieht, hat einen Namen: Li Shufu. Shufu ist ein Milliardär, der für Daimler zur Bedrohung werden könnte*. Denn der Chinese ist mit 9,7 Prozent bereits der größte Einzelaktionär der Daimler AG und ist Gerüchten zufolge daran interessiert, seine Anteile an dem Fahrzeughersteller aus Stuttgart weiter auszubauen – auch wenn er sie dementiert. Und Li Shufu –Gründer und Vorstandsvorsitzender des chinesischen Fahrzeugherstellers Geely - war in den letzten zehn Jahren auf großer Einkaufstour durch Europa. 

2010 kaufte der Multimillionär Volvo für 1,8 Milliarden US-Dollar, 2013 die London Taxi Company. 2017 erwarb der Chinese 51 Prozent Firmenanteile am britischen Fahrzeughersteller Lotus. Ein Jahr später war die Daimler AG dran - Li Shufu gab 7,5 Milliarden US-Dollar für 9,69 Prozent Anteile am schwäbischen Autobauer aus. Shufu hat jüngst eine stärkere Kooperation mit Daimler angekündigt. Er wolle mit den Schwaben in den Bereichen Technologie und Software mehr zusammenarbeiten, wie das Handelsblatt berichtet. Außerdem solle es verstärkt Rechteteilung geben. Ob das hinter dem Höhenflug der Daimler-Aktie steckt, kann niemand mit Sicherheit sagen. 

Über die Daimler-Aktie könnte China großen Einfluss auf die deutsche Wirtschaft gewinnen

Fest steht jedoch: An der Börse wartet ein zweiter Interessent auf Anteile der Daimler AG. BAIC (Beijing Automotive Industry Holding Corporation Limited) – ein weiterer Automobilproduzent aus China, der offenbar mit dem Gedanken spielt, mit Li Shufu gleichzuziehen und seine Daimler-Aktien auf bis zu zehn Prozent aufstocken, so das Handelsblatt. Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, die größte deutsche Aktionärsvereinigung, warnt vor diesem Szenario.

Wenn Li Shufu oder BAIC ihre Anteile an der Daimler AG aufstocken, wird eine chinesische Sperrminorität fast greifbar. Die Fahrzeughersteller aus China könnten dann in der Hauptversammlung Beschlüsse verhindern, für die eine 75-prozentige Kapitalmehrheit erforderlich ist. Zum Beispiel könnte die Satzung der Daimler AG nicht mehr gegen den Willen Chinas geändert werden. Damit wäre einer der wichtigsten Player der deutschen Automobilindustrie in chinesischer Hand. Das könnte allerdings die Bankensaufsicht verhindern, denn mit der Mercedes-Benz-Bank hält die Daimler AG ein Kreditinstitut - und jede Beteiligung von mehr als zehn Prozent muss intensiv geprüft werden. 

*BW24 ist Teil des Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

Rubriklistenbild: © Uli Deck/dpa

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