Coronavirus - Schweden
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Coronavirus - Schweden

Sonderweg in der Corona-Krise

Schwedischer Epidemiologe: „Der Unterschied ist, dass Deutschland seine Wirtschaft zerstört“

Der schwedische Epidemiologe Giesecke erklärt den Sonderweg seines Landes - und macht eine Prognose, wie sich die Corona-Krise weiterentwickeln wird.

  • Schweden wählt in der Corona*-Krise einen anderen Weg als die meisten Länder.
  • Der Kopf hinter dieser Strategie ist Johan Giesecke, Epidemiologe und WHO-Berater.
  • Seine Prognose für Deutschland klingt nicht gut.

Stockholm - Schwedens Sonderweg im Umgang mit der Corona-Krise hat weltweit Verwunderung und Besorgnis ausgelöst: Während in den allermeisten Ländern mehr oder minder strenge Ausgangssperren gelten und das öffentliche Leben weitestgehend lahmgelegt ist, setzt Schweden immer noch überwiegend auf Freiwilligkeit und Verantwortungsbewusstsein der Bürger. So haben etwa Kitas, Grundschulen, Cafés und Restaurants noch geöffnet und Fitnesstudios öffnen demnächst wieder, unter Auflagen.

Schwedischer Sonderweg in der Corona-Krise: „Deutschland zerstört seine Wirtschaft“

Und während ansteigende Infektionszahlen Anfang April als Beleg dafür herangezogen wurden, dass der Sonderweg gefährlich sein könnte, behauptet Johan Giesecke etwas anderes. Er ist neben Anders Terrel Schwedens bekanntester Epidemiologe und Berater der Regierung. Und er sagt, dass sich die Zahlen in allen europäischen Ländern angleichen werden bis zum Ende des Jahres. In einem Interview mit der Bild-Zeitung warnt er: „Der Unterschied ist, dass Deutschland gerade seine Wirtschaft zerstört.“

Corona in Schweden: Weitaus mehr Verstorbene im Verhältnis zur Einwohnerzahl als Deutschland

Während Deutschland (Stand: 23.04.2020) laut Johns-Hopkins-Universität aktuell 150.648 positive Corona-Tests und 5.315 im Zusammenhang mit dem Virus Verstorbene meldet, sind es in Schweden 16.004 positive Tests und 1904 Verstorbene. Bei 10,3 Millionen Einwohnern scheinen die Zahlen sehr hoch im Vergleich zu Deutschland.

Die schwedische Regierung lässt sich in der Krise vor allem von Johan Giesecke beraten. Er ist nach Angaben der WHO seit den frühen Neunzigern Epidemiologe, hat in London gelehrt, die WHO im Rahmen der HIV-Pandemie beraten und war von 1995 bis 2005 Staatsepidemiologe in Schweden - ein Amt, das Deutschland nicht hat. Als Epidemiologe setzt er sich unter anderem mit der Ausbreitung von Krankheiten, Überwachung und Kontrolle sowie Immunität* in Bevölkerungen auseinander - anders als der in Deutschland aktuell bekannteste Experte, Christian Drosten, der sich vor allem mit den Eigenschaften des Coronavirus beschäftigt und mit Ratschlägen an die Regierung auch eher zurückhält.

Andere Corona-Strategie in Schweden: „Wir sollten die Todeszahlen in einem Jahr zählen“

“Händewaschen schützt, dafür gibt es wissenschaftliche Belege - nicht für Social Distancing oder Schulschließungen *“, sagt Giesecke in einem Interview mit UnHerd, einem unabhängigen Onlinemagazin in Großbritannien. Deshalb sei Schwedens moderater Weg, der auch den Schutz von Alten oder besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen einschließt, der Bessere.

Dass aktuell in Relation zur Gesamtbevölkerung betrachtet vergleichsweise viel mehr Menschen in Schweden als in Deutschland verstorben sind, kontert Giesecke im Bild-Interview deutlich: „Wir sollten die Todeszahlen in einem Jahr zählen.“ Deutschlands strenger Weg sei auf Dauer nicht durchzuhalten - und Lockerungen würden dazu führen, dass sich wieder mehr Menschen infizieren und auch versterben werden.“ Am Ende hätten also alle Länder ein ähnliches Ergebnis, was den Schutz der Menschen angeht - aber die Wirtschaft in Deutschland werde stärker leiden.

Und er geht weiter davon aus, dass die meisten EU-Länder ausreichende Kapazitäten an Intensivbetten hätten - alle Prognosen für den Bedarf, die Grundlage für die strikten Maßnahmen waren, seien zu hoch gegriffen gewesen und die Maßnahmen damit zu strikt. 

Kritik an Schwedens Weg wird weiterhin laut, etwa nach der Panne in zwei Studien, über die die Tagesschau berichtet. Zweifel gibt es zudem an der Zugänglichkeit von Tests und am Umgang mit älteren, infizierten Menschen.

Ganz anders äußert sich eine Virologin in Deutschland: Das Virus dürfe man nicht auf die leichte Schulter nehmen, sagt sie und zeigt einen anderen Ausweg auf.

kat

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