Verwirrende Zahlen und Fehleinschätzungen

Kritik an Robert-Koch-Institut wird lauter - RKI lag mit Corona-Prognosen oftmals falsch

  • Martina Lippl
    vonMartina Lippl
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  • Alicia Greil
    Alicia Greil
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Was stimmt denn jetzt? Die Corona-Zahlen des RKIs weichen oft von anderen Quellen ab. Und auch Fehleinschätzungen von Institutsleiter Wieler verunsichern. Das Institut steht nun zunehmend in der Kritik.

Update vom 26. März 2020, 9.32 Uhr: Verwirrung bei den Fallzahlen, Prognosen, die sich als falsch herausstellen und nun eine optimistische Andeutung, die vielleicht etwas zu früh kam - das Robert-Koch-Institut (RKI) steht inmitten der Corona-Krise zunehmend in der Kritik. Doch ist das berechtigt?

Als oberste Bundesbehörde für Infektionskrankheiten ist das Institut ein zentraler Akteur im Umgang mit der Virus-Ausbreitung in Deutschland. Zunächst tagtäglich, mittlerweile nur noch dreimal pro Woche informiert RKI-Leiter Lothar Wieler die Bevölkerung über die aktuelle Corona-Lage in Deutschland. Zudem sind die Empfehlungen des Instituts die maßgeblichen Richtlinien die Entscheidungen der Bundesregierung. Doch es werden Zweifel an der Kompetenz des RKIs laut. So herrschte bereits große Verwirrung darüber, dass sich die Coronavirus-Infektions- und Todesfallzahlen zwischen dem RKI und der Johns-Hopkins-Universität unterscheiden

Corona-Epidemie: RKI rechtfertigt sich für Unterschiede in den Fallzahlen - doch die Erklärung hat einen Makel

Wielers Erklärung: Sein Institut würde nur amtlich bestätigte Fallzahlen veröffentlichen, während andere Informationsquellen Daten verbreiten würden, die Hochrechnungen und Schätzungen miteinbeziehen. Das RKI bezieht sich als Bundesbehörde nur auf jene Fallzahlen, für die auch Alter, Wohnort und Vorerkrankungen der Infizierten von den Meldebehörden übermittelt werden. Das ist vor allem für die Analyse der Epidemie und die genauere Analyse der Risikopatenten nötig. 

Lesen Sie auch: Zweifel an RKI-Todeszahlen: Gibt es in Wahrheit viel weniger Corona-Tote in Deutschland?*

Dennoch scheint das Institut an Vertrauen einzubüßen, denn immer häufiger werden die RKI-Zahlen nun angezweifelt. Das Hauptargument der Kritiker: Die vergleichsweise niedrigen Zahlen sind oftmals seien auf Meldeverzögerungen einiger Gesundheitsämter zurückzuführen. Somit spiegeln die Informationen des RKI nicht die aktuellsten Fallzahlen wider. Das RKI widerspricht diesem Vorwurf nicht. Vielmehr stützt Wielers Erklärung eine solche Verzögerung - oder im Fall unklarer Hintergründe auch eine Differenz.  

Aber nicht nur die von anderen Quellen abweichenden Fallzahlen könnten die Bevölkerung dieser Tage verunsichern. So berichtete Wieler erst am Montag bei der RKI-Pressekonferenz von einem ersichtlichen Trend, dass die exponentielle Wachstumskurve der Covid-19-Infektionen etwas abflache. Zwei Tage später ruderte er zurück: „Wir stehen am Anfang der Epidemie“, betonte er bei seinem jüngsten Corona-Briefing wiederholt. Man müsse erst weiter abwarten um zu sehen, ob die Maßnahmen greifen. 

Immerhin: Schon am Montag hat Wieler seine optimistische Aussage hinsichtlich einer abflachenden Entwicklung der Coronavirus-Infektionen relativiert. Es sei noch zu früh, diese Entwicklung zu bewerten, sagte er vor drei Tagen. Dennoch müsste sich der RKI-Chef eigentlich darüber bewusst sein, dass er bei der verunsicherten Bevölkerung verfrühte Hoffnungen weckt, indem er von einem „ersichtlichen Trend“ spricht - selbst wenn er diesen im Anschluss nicht bewertet.

Corona-Epidemie: RKI-Leiter Wieler lag mit einigen Prognosen in der Vergangenheit falsch

Aus einem Fehler der Vergangenheit hat Wieler aber wohl mittlerweile gelernt. Weitreichende Prognosen über Entwicklungen, die nicht absehbar sind, unterlässt der RKI-Chef seit einiger Zeit. Möglicherweise, weil er damit vor einigen Wochen mehrmals komplett daneben lag. Er gehe davon aus, „dass nur wenige Menschen von anderen Menschen angesteckt werden können“, sagte Wieler in einem Beitrag der Tagesschau vom 22. Januar über das Coronavirus. Noch am gleichen Tag erklärte er zudem in einem Interview des Fernsehsenders3sat: „Insgesamt gehen wir davon aus, dass sich das Virus nicht sehr stark auf der Welt ausbreitet.“

Das RKI gab also noch Entwarnung, während andere Experten schon längst Alarm schlugen, berichtet Bild.de. So forderte beispielsweise der Virologie-Professor Alexander Kekulé von der Universität Halle ebenfalls am 22. Januar, dass sich Deutschland auf das Coronavirus vorbereiten müsse. Weiter betonte er, dass er „nicht ganz die Gelassenheit des Robert-Koch-Instituts“ teile. Völlig zurecht, wie sich mittlerweile herausstellte.

Doch auch einen Monat später, am 24. Februar, zeigte sich Wieler angesichts des Virus immer noch unbesorgt, obwohl in China schon ganze Millionenstädte deshalb abgeriegelt worden waren. Die Einschätzung des RKI-Chefs: Sollte das Coronavirus nach Deutschland kommen, werde es „nicht innerhalb von zwei Wochen wie ein Orkan durch Deutschland gehen“, sondern es werde „verschiedene Regionen nacheinander treffen“, prognostizierte er. Er rief dazu auf, Corona „ganz nüchtern zu betrachten, ähnlich wie eine Grippewelle“ und betonte, dass man die bisherige Eindämmungsstrategie mit „sehr viel Erfolg“ fahre.

Corona-Epidemie: Auch Spahn kritisierte den Kurs des RKI - im März kam der Umschwung

Vier Tage später erhielt Wieler Kritik aus vorderster Reihe: Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bezeichnete die gemeinsame Anti-Corona-Strategie von Bundesregierung und RKI als „fraglich“ - und räumte ein: Deutschland stehe „am Beginn einer Coronavirus-Epidemie“. Mitte März kam dann der politische Umschwung: Das öffentliche Leben in Deutschland wurde heruntergefahren, Schulen und Geschäfte geschlossen, aktuell gelten Kontaktverbot und Ausgangsbeschränkung.

Übrigens: Welche negative Folge ein Virologe wegen der geltenden Maßnahmen befürchtet, lesen Sie ebenfalls bei Merkur.de*.

Auch Wieler hat es mittlerweile eingesehen: „Wir sind in einer Krise, deren Ausmaß ich mir nie hätte vorstellen können“, gestand er. Und weil auch das künftige Ausmaß kaum eingeschätzt werden kann, hält sich der 59-Jährige mittlerweile mit ungesicherten Prognosen zurück. Stattdessen betont er die Unberechenbarkeit der Situation. „Es ist noch völlig offen, wie sich die Epidemie entwickelt“, sagte er bei der Pressekonferenz am Mittwoch. Seine Appelle an die Bevölkerung sind dementsprechend vor allem Warnungen - und die gelten nicht nur Risikogruppen, sondern am Mittwoch auch ganz explizit der jüngeren und gesunden Bevölkerung: „Auch jüngere und gesunde Menschen können sehr schwer an Covid-19 erkranken und es gibt auch jüngere und gesunde Menschen, die an Covid-19 sterben“, mahnte er. 

Angesichts einiger Fehleinschätzungen und Fallzahlen, die nicht immer auf dem aktuellsten Stand sind, erscheint die Kritik am RKI gewissermaßen durchaus berechtigt. Zu beachten gilt dabei jedoch, dass sich das Institut, ebenso wie die Bundesregierung und die gesamte Bevölkerung, in einer Krise von bislang nicht gekanntem Ausmaß befindet. Fehler und Fehleinschätzungen können deshalb vorkommen - wichtig ist, dass sie nicht wiederholt werden. 

Erstmeldung vom 22. März 2020:

Berlin - Das Robert Koch-Institut (RKI) informiert täglich über die aktuelle Lage und Corona-Fälle in Deutschland. Dabei stellt das RKI offizielle Meldedaten vor. Daten, die von Gesundheitsbehörden der Länder und Kommunen an das Institut in Berlin übermittelt wurden. Diese Zahlen werden zuvor verifiziert.

Coronavirus-Krise: Robert Koch-Institut informiert täglich über aktuelle Fallzahlen aus Deutschland  

Die Fallzahlen in Deutschland aktualisiert das RKI auf seiner Webseite bislang nureinmal in 24 Stunden. Dabei gibt es bisweilen eine Abweichung von Zahlen bei Neuinfektionen sowie Todesopfern, die aus einzelnen Bundesländern, wie Nordrhein-Westfalen oder Bayern gemeldet werden. Zudem sind im Internet verschiedene interaktive Karten zu finden, wo sich diese Zahlen minütlich ändern.    

„Wir wissen, dass es im Internet und bestimmten Portalen auch andere Zahlen gibt und seien sie versichert, dass das Robert Koch-Institut diese Zahlen auch kennt“, so RKI-Präsident Lothar Wieler am Montag in Berlin gegenüber der Presse. „Wir beschränken uns auf offiziell gemeldete Zahlen, weil wir die Trends analysieren. Wir sind uns auch bewusst, dass es eine Dunkelziffer gibt.“ 

Die Zahl der Coronavirus-Fälle* in Deutschland liegt also deutlich höher als die, die das Robert Koch-Institut angibt. „Glauben Sie mir, dass wir dieses Business beherrschen“, betont RKI-Präsident Wieler beruhigend.

Präsident des Robert-Koch-Instituts Lothar Wieler informiert über die aktuelle Lage der Corona-Epidemie.

Aufgrund der dynamischen Entwicklung in Deutschland stellt das RKI nach eigenen Angaben ab dem 17. März nur noch elektronisch übermittelte Fälle dar.  

Zwischen dem Bekanntwerden von Fällen vor Ort und der Übermittlung an das RKI kann es Abweichungen von den aktuellen Zahlen zu den einzelnen Bundesländern geben, weist das RKI-Institut auf seiner Webseite hin. Die Meldedaten (mit Datenstand 0 Uhr) aktualisiert das RKI nach eigenen Angaben ab dem 17. März täglich am Vormittag. Das RKI kündigt zudem ein eigenes grafisches Dashboard mit Daten und Fallzahlen aus Deutschland an.

Die Corona-Situation in Deutschland* spitzt sich zu. Besonders für NRW beschreibt Ministerpräsident Armin Laschet die Lage als dramatisch.  

Corona-Fallzahlen: Johns-Hopkins-Universität zeigt Virusausbreitung in Echtzeit

Eine interaktive Online-Karte, die den Ausbruch des Coronavirus Sars CoV-2 auf der ganzen Welt aufzeigt, hat ein Forscherteam der Johns-Hopkins-Universität (USA, Baltimore) entwickelt. Bestätigte Covid-19-Fälle tauchen als rote Punkte auf der Karte auf. Ziel bei diesem Projekt war es schon Ende Januar, die extrem rasche Verbreitung des Virus in China und der Welt darzustellen. Seit dem Ausbruch des Coronavirus Sars-CoV-2 sammeln die Programmierer Daten der WHO, nationalen Behörden zur Seuchenprävention sowie Einrichtungen von verschiedenen Gesundheitsämtern. Diese überwiegend automatisch gesammelten Daten laufen ständig ein. Die Grafik zeigt die globale Ausbreitung des Virus in Echtzeit.    

„Wir haben dieses Dashboard erstellt, weil wir der Meinung sind, dass es für die Öffentlichkeit wichtig ist, die Ausbruchsstation zu verstehen“, so Professorin Lauren Garnder über das Projekt. Die Webseite zeigt Statistiken über Todesfälle, bestätigte Coronavirusfälle und Genesene auf einer weltweiten Karte an. Besucher können die Karten kostenlos herunterladen. 

Die Echtzeitkarte der Johns Hopkins Universität steht in zwei verschiedenen Versionen zur Verfügung:

Covid-19-Fälle: Deutschlandkarte zeigt aktuelle Fallzahlen in Echtzeit

Ein Team von Geografen und Datenwissenschaftlern aus Deutschland hat zudem ein Dashboard mit Karte* entwickelt, das die Ausbreitung des Coronavirus praktisch in Echtzeit für Deutschland veranschaulicht.

Angezeigt werden die einzelnen Bundesländer in verschiedenen Blautönen: Je dunkler das Blau, desto mehr Fälle gibt es. Zusätzlich zeigt das Dashboard die Zahl der bestätigten Infektionen und die Sterberate.

Die Coronavirus-Deutschland-Karte ist hier abrufbar: Coronavirus-Deutschland-Karte.

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