Drosten, Streeck oder Kekulé?

Chemikerin „MaiLab“ macht den Virologencheck und entlarvt beliebten Experten

  • Nico Scheck
    vonNico Scheck
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Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim (maiLab) checkt die Virologen in der Corona-Krise. Das ist ihre Meinung zu Christian Drosten, Alexander Kekulé und Hendrick Streeck.

  • Während Experten zum Coronavirus Sars-CoV-2* trenden, macht Chemikerin und Youtuberin Mai Thi Nguyen-Kim den Virologencheck
  • In einem Youtube-Video beim Kanal „maiLab“ vergleicht sie Christian Drosten, Hendrik Streeck undAlexander Kekulé
  • Dabei entlarvt „maiLab“ einen beliebten Corona-Experten

Team Drosten oder Team Kekulé? Was in den Neunzigern die Entscheidung zwischen East und West Coast, und schon immer die Entscheidung zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona war, ist in Deutschland anno 2020 zur Virologen-Wahl mutiert. Schuld ist die Corona-Pandemie*. 

Besonders im Blickpunkt der Öffentlichkeit: Prof. Christian Drosten*, Prof. Hendrik Streeck und Prof. Alexander Kekulé. Chemikerin und Youtuberin Mai Thi Nguyen-Kim macht in einem Video auf ihrem Youtube-Kanal „maiLab“ den Virologencheck. Ein Experte kommt dabei besonders schlecht weg. 

„MaiLab“ macht Virologencheck zu Corona: Kommunikation als Schlüssel

Erst vor zwei Wochen hatte „maiLab“ mit ihrem Video zur Corona-Krise für reichlich Aufsehen gesorgt - in positivem Sinne. Mittlerweile zählt das Video fast sechs Millionen Views. Ähnlich erfolgreich läuft jetzt auch ihr neues Video auf Youtube an. Darin macht Nguyen-Kim den Virologencheck, denn: „Man kann sich darauf verlassen, dass Artikel Wissenschaft verkürzt, überspitzt oder schlichtweg falsch darstellen.“ 

Zur Verwirrung in den Medien tragen laut „maiLab“ jedoch auch die Wissenschaftler selbst bei. Und so gehe es ihr in dem Video „um gute Wissenschafts-Kommunikation auf Seiten der Wissenschaftler und auf guten Wissenschafts-Journalismus auf Seiten der Medien.“ Denn: „Beides ist in dieser Corona-Krise genau so wichtig wie die Forschung selbst.“ 

Corona-Experten: „MaiLab“ lobt Virologe Christian Drosten

Doch wie vergleicht man die Wissenschaftler? Dazu erklärt „maiLab“, dass sich Wissenschaftler mit dem „What“ (also in diesem Fall dem Coronavirus) beschäftigen, die Menschen sich aber vor allem für das „So What“ (was sind die Folgen?) interessieren. 

Der Virologe Christian Drosten wird von „MaiLab“ gelobt.

Diese Differenzierung mache gute Kommunikation der Wissenschaft und die der Medien aus. Diesen Spagat bekomme vor allem Prof. Drosten sehr gut hin. Nguyen-Kim betont, dass Drosten dem Laien viel „What“ liefere und er „beglückt uns mit einem wissenschaftlichen Niveau, das man sonst in den Medien selten bekommt“. 

Zudem drücke er sich sehr vorsichtig in den Medien aus. „Er geht verantwortungsvoll mit seinem Experten-Status um“, fasst die Chemikerin zusammen. 

Corona-Experten: Hendrik Streeck mit verheerender Aussage - „MaiLab“ ordnet ein

Nicht so Prof. Streeck„MaiLab“ bezieht sich dabei unter anderem auf eine Aussage von Streeck bei Markus Lanz*. Dort hatte der Virologe in Bezug auf die Modellrechnungen zum Verlauf der Corona-Pandemie erklärt, dass nur ein Faktor in der mathematischen Rechung falsch sein müsse. „Dann fällt das alles zusammen wie ein Kartenhaus.“ 

Eine Aussage, die Nguyen-Kim besonders missfällt. „Das ist eine Verkürzung, die bei Laien das Vertrauen in die wichtige Arbeit von Epidemiologen und deren Modellrechnungen erschüttern kann“, erklärt sie. Zwar treffe man bei diesen Modellrechnungen noch einige Annahmen, doch dafür „macht man ja auch verschiedene Szenarien auf“. 

Man verlasse sich nicht auf einzelne Parameter, sondern auf ganze Parameterbereiche. Damit eine Modellrechnung tatsächlich zusammenfällt wie ein Kartenhaus, „müssten die Parameter schon in einer völlig anderen Größenordnung liegen.“ 

Heinsberg-Studie zu Corona als Aufreger: Warum die Kommunikation schief läuft

Ähnliche Kritik äußert „maiLab“ in Bezug auf den Umgang mit der Heinsberg-Studie. Prof. Streeck gilt als Gesicht dessen. Diese Studie hatte die Sterblichkeitsrate durch das Coronavirus auf 0,37 Prozent ermittelt - und damit den Bereich vorangegangener Studien bestätigt. Der Tenor in den Medien als Reaktion auf diese Studie war jedoch, dass die Heinsberg-Studie Hoffnung auf eine Lockerung der Corona-Maßnahmen mache. 

Wie passt das zusammen? Nguyen-Kim weiß es: „Gar nicht!“ Hier haben „What“ und „So What“ nichts miteinander zu tun, erklärt sie und betont: Die Kommunikation muss wissenschaftlich korrekt sein. Und so kommt „maiLab“ zum Schluss, dass Streeck zwar sauber in der Forschung ist, „in der Kommunikation ist er es leider nicht.“ 

Alexander Kekulé als Corona-Experte entlarvt: „MaiLab“ erklärt das Problem

Und Prof. Kekulé? Hierfür zieht Nguyen-Kim eine Aussage von Wissenschaftsjournalist Volker Stollorz (Leiter des Media Science Centers in Köln) hinzu. Dieser hatte gegenüber „radioeins“ verraten, dass Kekulé in den vergangenen Jahren zum Fortschritt der Virologie „nichts mehr beigetragen“ hat. Mehr noch: „Über Coronaviren hat er faktisch nie publiziert.“ 

Er nutze seine Autorität als Professor geschickt, um seine Meinung zu äußern und suche das Rampenlicht. Das sei natürlich lukrativ für Journalisten. „MaiLab“ möchte Prof. Kekulé dennoch die „virologische und epidemiologische Fachexpertise“ nicht absprechen: „Grundsätzlich finde ich nicht, dass man selbst an Corona forschen muss, um einer breiten Öffentlichkeit die wissenschaftlichen Grundlagen zu erklären.“ 

Nur dürfe man Medienpräsenz nicht automatisch gleichsetzen mit Kompetenz. Genau das geschehe aber in der breiten Masse. So fordert „maiLab“: „Je größer die Reichweite, desto verantwortlicher muss man mit seiner Wissenschafts-Kommunikation und seinem Expertenstatus umgehen.“ 

Klarer Appell von „maiLab“ in Zeiten von Corona an Experten - auch an Drosten

Diese Verantwortung sieht die Chemikerin bei Kekulé offenbar nicht. Zudem gebe es in seinen Aussagen einige Widersprüchlichkeiten. Bei den Recherchen für das Video habe ihr Team teilweise Probleme gehabt, „die wissenschaftliche Grundlage für seine sehr klaren Ansagen nachzuvollziehen“. 

„MaiLabs“ Schluss: Wenn das „What“ schon nicht schlüssig ist, sollte man sehr vorsichtig sein, so klare „So What“-Aussagen zu treffen. 

Dennoch ist sich Nguyen-Kim sicher, dass man mehr Fachleute in den Medien brauche. So gewinne man an Nachvollziehbarkeit und Verständnis für die nächsten Entscheidungen. „Ansonsten entsteht nur mehr Platz für Akteure, die es mit der wissenschaftlichen Korrektheit nicht so ernst nehmen“, betont sie. 

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Ob Trump gegen Twitter oder Drosten gegen Bild. In der Corona-Krise zeigt sich eine ganz neue Qualität der Bedeutung sozialer Medien.

Rubriklistenbild: © Maurizio Gambarini / dpa