Überfüllte Gefängnisse seien „Zeitbombe“

Corona in Südamerika: Elf Infizierte sterben nach Medikamenten-Studie in Brasilien 

  • Alicia Greil
    vonAlicia Greil
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Corona in Südamerika: Das Virus sorgt in der ecuadorianischen Stadt Guayaquil für katastrophale Zustände: Leichen liegen teils tagelang auf der Straße. Und auch in anderen Teilen Südamerika breitet sich das Virus aus.

Update vom 16. April, 22.10 Uhr:  Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro hat mitten in der Corona-Krise den populären Gesundheitsminister Luiz Henrique Mandetta entlassen. Dies teilte Mandetta am Donnerstag nach einem Treffen mit Bolsonaro im Präsidentenpalast im Internet-Kurzbotschaftendienst Twitter mit. Der rechtsradikale Staatschef war in der Krise im eigenen Land zunehmend in die Kritik geraten.

Während Bolsonaro die Coronavirus-Pandemie verharmloste, hielt sich Mandetta an die internationalen Empfehlungen eines aggressiven Vorgehens im Kampf gegen die Pandemie. Bolsonaro hatte wiederholt eine "Hysterie" im Kampf gegen das Virus angeprangert. Auch bezeichnete er die von dem Erreger ausgelöste Lungenkrankheit Covid-19 als "kleine Grippe".

Update vom 16. April, 21.01 Uhr: Mit großem Aufwand wird aktuell weltweit nach einem möglichen Impfstoff und einem Medikament gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 gesucht. Auch bereits vorhandene Medikamente werden auf eine mögliche positive Wirkungsweise gegen das Coronavirus getestet, so zum Beispiel Malariamittel.

In Brasilien fand die Behandlung mehrer Corona-Patienten nun ein tödliches Ende. Die Dosis eines Malariamittels sei zu hoch gewesen und löste schwere Herzrhythmusstörungen aus, wie oe24.at unter Berufung auf das Portal „MedRxiv“ berichtet.

Demnach starben elf von insgesamt 81 Coronavirus-Patienten an tödlichen Herzrhythmusstörungen oder Herzmuskelschäden. Schuld daran sollen die hohen Dosen an Chloroquin in Verbindung mit dem Antibiotikum Azithromycin tragen. Die Studie soll vom brasilianischen Staat finanziert worden sein. Für eine sogenannte Phase-II-Studie seien 81 Patienten jedoch viel zu wenige gewesen. Normalerweise seien hierfür nämlich 450 Teilnehmer notwendig. 

Bei der Studie wurde einer Hälfte der Patienten eine höhere Menge Chloroquin verabreicht. Bei diesen seien nach zwei bis drei Tagen Herzrhythmusstörungen aufgetreten. Nach dem Tod der elf Patienten wurde die Studie oe24.de zufolge sofort abgebrochen.

Coronavirus in Südamerika: Gouverneur von Rio de Janeiro mit Covid-19 infiziert - Chile will 1300 Gefangene freilassen

Update vom 15. April, 9.35 Uhr: „Diese Schlacht zu gewinnen, war für mich größer, als im Krieg zu gewinnen.“ Der 99-jährige Ermando Armelindo Piveta hat auf Seiten der Alliierten im zweiten Weltkrieg gekämpft - jetzt hat er den Kampf gegen das Coronaviurs aufgenommen. Und gewonnen. 

Im Rollstuhl verlies der Kriegsveteran das Armeekrankenhaus in Brasília. Acht Tage lang hatten sich die Ärzte um seinen Zustand Sorgen gemacht, doch Piveta erholte sich von der Covid-19 Erkrankung und wurde mit Trompetenklängen, und beifallklatschenden Ärzten und Pflegern entlassen. 

Wie das Nachrichtenportal G1 am Dienstag (14. April) berichtet, sei er nach Angaben des brasiliansichen Gesundheitsministeriums der bisher älteste Brasilianer, der sich von den Folgen des Coronavirus wieder erholt hat. „Das hier ist wie die Seuche (Spanische Grippe) im Jahr 1918. Es betrifft die ganze Welt, nicht nur einen Ort.“

Coronavirus: Governeur von Rio de Janeiro mit Covid-19 infiziert und Chile will 3000 Gefangene freilassen

Update vom 15. April, 8.12 Uhr:

Der Gouverneur des brasilianischen Bundesstaats Rio de Janeiro, Wilson Witzel, ist eigenen Angaben zufolge positiv auf Covid-19 getestet worden. In einem am Dienstag bei Twitter veröffentlichten Video teilte Witzel mit, er habe am vergangenen Freitag erste Symptome wie Fieber und den Verlust des Geruchssinns gespürt. Am Dienstag habe er daraufhin die Diagnose erhalten.

„Jetzt geht es mir Gott sei Dank besser und ich werde weiterarbeiten, während ich gleichzeitig den Ratschlägen meiner Ärzte folge“, erzählte der 52-Jährige. Die Brasilianer rief Witzel auf, zu Hause zu bleiben. „Denn diese Krankheit breitet sich, wie jeder sehen kann, schnell aus, und macht vor niemandem halt“, sagte der Gouverneur.

Unterdessen hat das chilenische Verfassungsgericht am Dienstag die Begnadigung von 1300 Strafgefangenen bewilligt, die einem besonders hohen Infektionsrisiko ausgesetzt sind. Ein entsprechendes Gesetz war zuvor von der Regierung des konservativen Präsidenten Sebastián Piñera eingebracht worden.

Coronavirus in Südamerika: Überfüllte Gefängnisse gelten in Chile als „Zeitbombe“

Dieses Gesetz sieht die vorzeitige Haftentlassung von Gefangenen über 75 Jahren, Schwangeren sowie Müttern von Kleinkindern vor. Nach ihrer Freilassung sollen die Menschen unter Hausarrest gestellt werden. Von dem Gesetz ausgenommen sind Gefängnisinsassen, die wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Mord, Entführung, Drogenhandel oder häuslicher Gewalt verurteilt wurden. Viele Gefängnisse in Chile sind heillos überfüllt. Das Verfassungsgericht hatte die Gefängnisse in einem Bericht mit Blick auf die Coronavirus-Pandemie als „Zeitbombe“ bezeichnet.

Update vom 13. April, 16.44 Uhr: Mehr als 1400 Verstorbene wurden von Sondereinheiten der Polizei aus der ecuadorianischen Hafenstadt Guayaquil abgeholt - 771 davon aus Wohnungen und Straßen, 631 Tote seien zur Bestattung aus Krankenhäusern geholt worden. Die Angaben wurden vom Leiter der Spezialeinheit, Jorge Wated Reshuan, am Sonntagabend (Ortszeit) auf Twitter veröffentlicht.

Guayaquil ist eine der am Stärksten betroffenen Metropolen Lateinamerikas, schon seit Tagen waren Krankenhäuser und Bestattungsunternehmen völlig überfordert gewesen. In der Stadt waren Tote zuletzt tagelang in Wohnungen liegengeblieben. Selbst auf der Straße wurden Leichen abgelegt. Wegen der weitreichenden Ausgangsbeschränkungen in Ecuador kamen die Bestattungsunternehmen mit der Arbeit kaum hinterher.

Der Spiegel schrieb bereits von der „Apokalypse von Ecuador“ (siehe auch Erstmeldung des Artikels).

Coronavirus in Südamerika: „Copacabana Palace“ schließt erstmals seine Pforten

Update um 20.54 Uhr: Erstmals in seinen fast 100 Jahren seit der Eröffnung hat das berühmte Hotel „Copacabana Palace“ in Rio de Janeiro seine Pforten geschlossen. Im Zuge der Corona-Pandemie wurden zwei Meter hohe Gitter rund um das 1923 eröffnete Art Déco-Gebäude gezogen. Brasilianischen Berichten soll das Fünf-Sterne-Hotel an der Copacabana Ende Mai wieder öffnen.

Das „Copacabana Palace“ ist das erste Haus am Platz, veranstaltet rauschende Bälle und Feste zu Karneval und Sylvester und beherbergt internationale Stars aus der Film- und Musikbranche. Einem Bericht der Zeitung O Globo zufolge sollen während der vorübergehenden Schließung nur Hoteldirektorin Andrea Natal und der brasilianische Sänger Jorge Ben Jor, Legende des Sambarock, in dem Anwesen mit seinen mehr als 270 Zimmern bleiben. Jorge Ben Jor wohnt demnach bereits seit 2018 dort.

Update um 9.05 Uhr: Ein Kreuzfahrtschiff mit zahlreichen Coronavirus-Infizierten an Bord ist in den Hafen der uruguayischen Hauptstadt Montevideo eingelaufen.

Nach dem Anlegen am Freitag sollten nach Angaben der uruguayischen Regierung 112 Passagiere der „Greg Mortimer“ in der Nacht zum Samstag in einem mit medizinischem Gerät ausgestatteten Flugzeug in die australische Stadt Melbourne ausgeflogen werden.

Fast 60 Prozent der mehr als 200 Menschen an Bord waren zuvor positiv auf das Coronavirus Sars-CoV-2 getestet worden. Acht Erkrankte wurden bereits in Krankenhäuser in Montevideo verlegt. Auf dem Schiff befanden sich ursprünglich mehr als 210 Menschen, die meisten Passagiere stammten aus Australien und Neuseeland.

Coronavirus in Südamerika: Covid-19 erreicht indigene Völker - 15-Jähriger stirbt in Brasilien

Update vom 11. April, 7.14 Uhr: Als erstes Land Lateinamerikas hat Brasilien mehr als 1000 Todesfälle durch das Coronavirus bestätigt. Nach den jüngsten Zahlen des Gesundheitsministeriums vom Freitagabend (Ortszeit) lag die Zahl der Gestorbenen inzwischen bei 1056. Fast 20.000 Infektionen wurden demnach inzwischen registriert.

Am 26. Februar war in Brasilien als erstem Land Süd- und Lateinamerikas ein Mensch positiv auf den Erreger Sars-CoV-2, der die Lungenkrankheit Covid-19 auslöst, getestet worden. Der rechte Präsident des portugiesischsprachigen Staates, Jair Bolsonaro, geriet in den vergangenen Wochen immer wieder in die Schlagzeilen, weil er die Gefährlichkeit des Virus herunterspielte.

Coronavirus: Argentinien verlängert Ausgangsbeschränkungen

Argentiniens Regierung hat die wegen der Corona-Pandemie eingeführten Ausgangsbeschränkungen erneut verlängert. Die weitreichenden Maßnahmen bleiben bis mindestens zum 26. April in den Großstädten gültig, wie Präsident Alberto Fernández am Freitag (Ortszeit) in einer Pressekonferenz mitteilte. „Keiner weiß, wann dieses Martyrium enden wird“, sagte der gemäßigte Linke.

Coronavirus in Südamerika: Covid-19 erreicht indigene Völker - 15-Jähriger stirbt in Brasilien

Update vom 10. April, 18.30 Uhr: Das Coronavirus hat die Indigenen in Brasilien erreicht. Ein Jugendlicher vom Volk der Yanomami starb am Donnerstagabend (Ortszeit) in einem Krankenhaus in der Stadt Boa Vista, wie die „Folha de S. Paulo“ und andere brasilianische Medien berichteten. Der 15-Jährige war demnach positiv auf Sars-CoV-2 getestet worden und lag seit vergangenem Freitag auf der Intensivstation. Er ist der erste registrierte Tote in Zusammenhang mit Covid-19 aus einem Indigenen-Gebiet. 

Der Tod 15-Jährigen steigert unter den Yanomami die Sorge, dass sich eine Tragödie wie in den 1960er, 1970er und 1980er Jahren wiederholen könnte. Damals brachten illegale Goldsucher Krankheiten wie die Masern zu den Indigenen, 15 Prozent der Yanomami starben. Auch heute kämpfen diese gegen Goldschürfer - nach Angaben der Organisation Hutukara 25 000 - auf ihrem Gebiet.

Coronavirus trifft Metropole in Ecuador extrem: Leichen liegen tagelang auf der Straße

Guayaquil - Leichen auf offener Straße und völlig hilflose Krankenhausmitarbeiter - die Hafenstadt Guayaquil in Ecuador trifft die Corona*-Pandemie mit voller Wucht. Ein schockierendes Video bei n-tv dokumentiert die dortigen Zustände. „Seit Tagen liegen die Leichen in den Straßen, der Geruch drinnen sei einfach zu stark geworden“, sagen die Anwohner. Als das Kamerateam filmt, winken die Menschen sie heran. Überall liegen tote Körper einfach so herum.

Um ein würdiges Begräbnis für ihre Toten müssen sich die Angehörigen in Ecuador dieser Tag nicht selten ohne Unterstützung von Bestattern kümmern. 

Coronavirus in Südamerika: Familie verbrennt Leiche eines Corona-Opfers

Die Szenen sind unwirklich, wie aus einem Katastrophenfilm. Die Kamera fängt auch ein, wie eine Familie die Leiche eines über 80-jährigen Corona-Opfers wegen der starken Verwesung anzündet. Daraufhin ist im Video Mara Peafiel, die Angehörige eines Verstorbenen, zu sehen: „Viele hier haben die Bestatter schon angerufen, aber die sagen immer nur: Wir kommen schon“, berichtet sie.

Medienberichten zufolge liegen Corona-Tote in Ecuador teilweise mehrere Tage lang auf der Straße.

Weil die Bestatter offenbar angesichts der vielen Corona-Todesopfer nicht hinterherkommen, bringen nun die Angehörigen selber ihre Toten in die Leichenhallen. Oder stellen die Verstorbenen in Pappkartons auf die Straße. Die Regierung ist offensichtlich völlig überfordert. Von ihr heißt es, es werde daran gearbeitet, dass jeder ein würdiges Begräbnis bekomme. Doch die Mediziner hätten „unglücklicherweise“ erklärt, dass sie die Todeszahl wegen Corona auf 2500 bis 3500 schätzen. Die Regierung versuche sich nun darauf vorzubereiten.

In der Hafenstadt Guayaquil leben 2,7 Millionen Einwohner - und bereits jetzt gibt es dort mehr Corona-Tote als in Kolumbien und Argentinien zusammen. Das habe verschiedene Gründe, heißt es im Video von n-tv: Zum einen seien unter den fast 4000 Infizierten knapp 1600 Ärzte, Pfleger und Krankenhausmitarbeiter  - also gut 40 Prozent. „Ich fühle mich angeschlagen aber ich bin noch nicht getestet worden*“, erzählt eine Krankenhausmitarbeiterin. „Ich bin schon 59 Jahre alt* und eigentlich durch meine Arbeit hier einem Risiko ausgesetzt“, sagt sie weiter. Die Frau arbeite schon seit 35 Jahren in dem Krankenhaus in Guayaquil, aber niemand könne ihr und ihren Kollegen eine Lösung geben, wie sie mit den Covid-19-Fällen umgehen sollten.

Coronavirus in Südamerika: Ecuadorianische Regierung hat die Lage nicht unter Kontrolle

Noch dazu komme, dass die Regierung in Ecuador als korrupt und unfähig gelte, wird im Video erklärt. So habe das Militär nun eine Lieferung von fast 40.000 Masken an sich genommen. Das lebenswichtige medizinische Material* habe daraufhin tagelang in einem Lagerhaus gelegen - offenbar nur, weil mit den Papieren etwas nicht stimmte. 

Inzwischen fliehen die Menschen vor dem Virus schon ins Nachbarland Peru. Dort wurden allerdings die Grenzen mittlerweile komplett dicht gemacht. Die Regierung lässt die „Virusflüchtlinge“ niederstrecken. Den Ecuadorianern wurde zudem auch die große Einwanderergemeinde zum Verhängnis. Patientin 0* war eine Frau, die ihre Verwandten in Spanien* besucht hatte. Sie und ihre Schwester seien mittlerweile tot. Und in Guayaquil leben die Menschen nun unter katastrophalen Umständen. 

Coronavirus in Südamerika: Ecuador rekrutiert 606 zusätzliche medizinische Fachkräfte

Doch die Regierung versucht einzuschreiten. Wie das Gesundheitsministerium mitteilte, würden in Ecuador insgesamt 606 zusätzliche Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger eingestellt. 99 Landärzte würden aus den Provinzen nach Guayaquil versetzt, hieß es weiter. Bislang haben sich in ganz Ecuador 4450 Menschen nachweislich mit Corona infiziert. 242 Patienten sind gestorben. Präsident Lenín Moreno räumte außerdem ein, dass die offiziellen Zahlen deutlich hinter den tatsächlichen Fällen zurückbleiben dürften. 

Weitere Coronavirus-Entwicklungen in Europa und dem Rest der Welt* lesen Sie in unseren News-Tickern. In Europa rücken zunehmend Debatten über mögliche Exit-Strategien aus den von den einzelnen Staaten verhängten Corona-Lockdowns in den Fokus.

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Rubriklistenbild: © dpa / Matthias Hiekel

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