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Junges Museum: Der Nationalsozialismus wirkt bis heute nach

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Von: Julius Fastnacht

Junges Museum Ferien zu Hause fzh2022
Geschichte zum Anfassen: Interaktivität war den Kuratorinnen und Kuratoren wichtig © Junges Museum

Das Junge Museum Frankfurt macht die NS-Zeit erfahrbar. In der Ausstellung „Nachgefragt“ lernen Jugendliche, wie die Nazis den Nachwuchs von damals formten – und verfolgten.

Sammel-Alben hängen an der Wand im Jungen Museum. In der Vitrine steht eine Mädchen-Puppe, im Glaskasten daneben Mini-Kunststoff-Figuren. In dunklen Farben stellen sie sich den Besucherinnen und Besucher entgegen. Dabei handelt es sich nicht um die Produkte von Panini, Barbie oder Steiff. Die Exponate sind Nazi-Propaganda. Die Hefte – beklebt mit Zigarettenbildern von NS-Heldengeschichten. Die Puppe – bekleidet mit einer Uniform des Bundes Deutscher Mädel. Und die Figuren – Miniaturen von Adolf Hitler, SS-Soldaten und Schäferhunden.

Junges Museum Frankfurt: Zeitzeugen werfen Schatten im Raum

In der Ausstellung „Nachgefragt: Frankfurt und der NS“ zeigt das Junge Museum, wie das Dritte Reich Kinder und Jugendliche vereinnahmte, missbrauchte und zerstörte. Es ist die erste Ausstellung über den Nationalsozialismus in 50 Jahren Museumsgeschichte. „Das Thema ist alles andere als einfach, das war uns bewusst“, sagt Museumsleiterin Susanne Gesser. „Gerade im Umgang mit jüngeren Menschen ist es zu oft ein Tabu. Bei Fragen weichen Erwachsene aus. Vielleicht, weil sie über die Gräuel nicht reden wollen, oder selbst Wissenslücken haben.“

Mit der Ausstellung, die noch bis April 2023 läuft, will das Junge Museum dafür einen Raum schaffen, in dem Eltern und Kinder gemeinsam erkunden und lernen können. Begleitend hat das Kuratorenteam ein Heft mit dem Titel „Wie mit Kindern über den NS sprechen“ entworfen, das im Ausstellungsraum ausliegt. Schon im ersten Raum warten mehrere beschriftete Tafeln auf die Besucherinnen und Besucher. „Was weißt du über den Nationalsozialismus?“, steht da. Und: „Was hat das mit dir zu tun?“ Gleich zu Beginn regt die Ausstellung zum Nachdenken und -fragen an.

In den Bereichen Schule, Familie, Freizeit, Jugend und Krieg warten im Hauptraum dann thematische Exponate auf die Besuchenden. „Dass Kinder auch Parallelen zur eigenen Lebensrealität gehen können, ist beabsichtigt“, sagt Gesser. Sie empfiehlt die Ausstellung für Besucherinnen und Besucher ab zehn Jahren, da es einiges zu lesen gibt. Im Museums-Magazin erzählt Gesser, dass sie als Mädchen wegen ungefilterter Holocaust-Filme und -Dokumentationen nächtelang nicht schlafen konnte. „Da ist die Pädagogik inzwischen deutlich weiter.“ Auf explizite Details oder Bewegtbilder hat das Kuratorenteam verzichtet, ohne aber die Radikalität des NS-Regimes zu verschleiern.

Interaktive Ausstellung für die Kinder

„Wichtig war uns, die Ausstellung interaktiv zu gestalten. Dass die Kinder etwas anfassen, selber machen, entdecken können“, sagt Susanne Gesser. Der Bereich Familie liegt in einem abgegrenzten Innenraum. Weiße Kartons stehen an einer Wand. Wer sie öffnet, kann eine rote Fahne entdecken, einen Fußball, gerahmte Familienbilder. Gegenstände, die eine Rolle im Leben von jungen Frankfurtern während der NS-Zeit spielten.

In einem anderen Zimmer stehen Pulte aus Holz, auf einem liegt eine Ledertasche. An der Wand hängt eine Rohstoff-Karte des Deutschen Reichs, „Deutscher Boden – Deutsche Schätze“, steht darauf. Ein Klassenzimmer, wie es auch zu Zeiten des Dritten Reichs hätte existieren können. Der Raum zeigt: Nach ihrer Machtübernahme begannen die Nazis, ihre Geisteshaltung systematisch in den Köpfen der Jüngsten einzupflanzen. Hitlergruß am Morgen, regelmäßige nationalsozialistische Feste, geschlechtergetrennter Unterricht. Rund 97 Prozent der Lehrer trat dem nationalsozialistischen Lehrerbund bei, lässt sich nachlesen. Abweichler wurden aus dem Schuldienst gedrängt, Jüdinnen und Juden nicht nur vom Staat, auch von ihren Mitschülerinnen und Mitschüler ausgegrenzt.

Die Boxen helfen Kindern dabei, die Schicksale dieser damals gleichaltrigen Menschen zu verstehen, die die Nazis nach ihrem Weltbild formen wollten. Ins Auge fallen beim Ausstellungsbesuch auch mehrere orangene Scherenschnitte. „Bernhard“, steht darauf, oder „Wolfgang“. Sie deuten die Silhouetten von Zeitzeugen an, die ihre Erfahrungen mit dem Museum geteilt haben. In Anekdoten, die den Informationentexten angeheftet sind, erzählen sie von der Herausforderung, der sie als Feinde der NS-Propaganda ausgesetzt waren. „Das Format ist nahbar und authentisch“, sagt Gesser. Opfer stehen bei den Scherenschnitten im Mittelpunkt. Aber: „Sie alle haben den Krieg überlebt.“ Gerade das könne jungen Besuchenden helfen, sich zu identifizieren und einzufühlen.

Ganz am Ende stehen Besuchenden dann vor einer Videowand. Frankfurter, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden, beantworten: Was hat der Nationalsozialismus mit mir zu tun? Andrew, dessen Familie den Holocaust überlebte, berichtet vom schwierigen Verhältnis zu seinen Eltern. „Wir haben nicht überlebt, damit du nicht zum Frisör gehst“, hätten sie dem Sohn als Jugendlichem vorgehalten. Irgendwann sei ihm aber klar geworden: „Auf diesen Schultern lasten tausende von Jahren der Verfolgung.“ Eigene Kinder wollte er wegen dieser Erkenntnis lange Zeit nicht haben. So zeigt „Nachgefragt: Frankfurt und der NS“: Der Nationalsozialismus betrifft eben nicht nur die Generation unserer Großeltern. Er wirkt bis heute nach. Das Junge Museum bietet einen fordernden Einstieg ins Thema, der Fingerspitzengefühl zeigt.

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