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Sanierung beendet: Orgel in der Johanneskirche erklingt wieder

Hanau

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    Beim Wiedereinbau der Orgel in der Johanneskirche musste jeder Handgriff sitzen. Foto: PM

Hanau. Fast fünf Monate lang war die Orgel in der Johanneskirche stumm. Das Instrument wurde umfassend saniert. Dies war nötig geworden, da etliche Bauteile nicht mehr zuverlässig funktionierten. Jetzt ist die Orgel wieder repariert.

Artikel vom 05. Juli 2017 - 12:11

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Das teilt die Evangelische Stadtkirchengemeinde mit. Erbaut wurde die Orgel 1968 von der Firma Peter aus Köln. Entwickelt und konzipiert wurde das Werk aber von Ernst Karl Rößler, der zugleich Pfarrer und Orgelsachverständiger war. „In seiner zweiten Funktion hat er mit viel Kreativität den Orgelbau in Deutschland für einige Jahre entscheidend mit beeinflusst“, so die Kirchengemeinde. Sein Klangideal orientierte sich an Orgeln aus der Barockzeit.

Rößler war bekannt für „enge Mensuren“, die zu einem schlankeren Klang führen. Zugleich war der Orgelbauer immer auf der Suche nach neuen Klangfarben und erfand so neue und ungewöhnliche Register. Er war experimentierfreudig und daher auch umstritten. Viele seiner Werke seien inzwischen durch neue Instrumente ersetzt worden. In der Johanneskirche soll die Orgel auch als Zeitzeugnis erhalten werden.

Experimentierfreudige Zeit
Es war eine experimentierfreudige Zeit, was sich auch bei der Auswahl der beim Orgelbau verwendeten Materialien zeigte, erläutert die Kirchengemeinde. So wurden einige Teile aus Pressspanplatten gefertigt, wo früher im Orgelbau nur wertvolle und gut abgelagerte Hölzer Verwendung fanden. Zudem wurde die Orgel elektrisch gesteuert und nicht wie früher durch Holzstreben.

Gerade diese Experimente haben laut Mitteilung zu großen Problemen geführt. Denn Pressspan nimmt Feuchtigkeit sehr viel stärker übel als gut abgelagertes Holz und quillt auf. So kam es in dem Instrument schon seit vielen Jahren zu „Versagern“ oder „Heulern“, Töne erklangen gar nicht – oder es jaulte aus der Orgel, obwohl keine Taste gespielt wurde.

Probleme grundlegend lösen
„Über eine lange Zeit wurden diese Probleme provisorisch behoben. Unmengen von Talkum wurden eingebracht, um Teile beweglich zu halten, ein Stoff, der aber die Dichtungen in der Orgel spröde werden lässt, ein Teufelskreis. Auch die elektrische Anlage, inzwischen ebenfalls fast 50 Jahre alt, musste erneuert werden. Hier produzierten viele Bauteile Fehler, zudem bestand eine erhöhte Brandgefahr“, blickt die Kirche zurück.

Um alle Probleme grundlegend zu lösen, blieb nur eine gründliche Sanierung. Mit der Firma Lenter aus Sachsenheim hatte die Kirchengemeinde einen Orgelbauer gewinnen können, der für solche Instrumente eine besondere Sensibilität entwickelt hat. Das Ziel konnte mit seiner Hilfe erreicht werden: die „Rößler-Orgel“ für die Nachwelt zu erhalten.

Pfeifen wurden ausgebaut
Im Januar ging es los: Die Orgel wurde komplett auseinandergenommen. Zuerst wurden alle Pfeifen ausgebaut, der Spieltisch in seine Einzelteile zerlegt, die elektrischen Komponenten weitgehend entfernt. Zuletzt wurden die drei Windladen ausgebaut und zur Sanierung in die Werkstatt nach Sachsenheim gebracht.

Windladen nennt man die Herzstücke der Orgel, auf denen die Pfeifen stehen und mit Wind versorgt werden, damit sie erklingen. Es sind sehr große „Möbelstücke“, um die 300 Kilogramm wiegt solch ein Teil. Beim Ausbau haben neben den Orgelbauern auch Gemeindeglieder geholfen, beim Wiedereinbau der grundsanierten Laden wurden professionelle Möbelträger engagiert.

Neue Steuerung 
Danach kam der Orgel-Elektroniker zum Zug. Eine computergestützte neue Steuerung der Orgel wurde eingebaut, die Elektromagneten – für jede Taste gibt es einen, der das Ventil zur Luftversorgung öffnet – mussten neu angeschlossen werden. Danach galt es laut der Mitteilung, alle Pfeifen zu untersuchen: Risse wurden verleimt oder verlötet.

Jede wurde gründlich gereinigt und neu „intoniert“ – so nennt man den Arbeitsvorgang, bei dem der Klang jeder einzelnen Orgelpfeife optimiert wird. Die Orgel der Johanneskirche hat 1558 davon. Jede fand anschließend wieder ihren Platz auf der Windlade und wurde gestimmt. Die kleinste Pfeife misst gerade mal sieben Millimeter, die größte bringt es auf 2,40 Meter.

Spieltisch mit neuem Platz  
Allmählich füllte sich die Orgel wieder, und die Empore der Johanneskirche leerte sich. Auch der Spieltisch bekam einen neuen Platz. Er steht nun etwas weiter weg von dem Instrument, damit der Organist den Klang der drei „Werke“ dieser Orgel – das Schwellwerk mit der Jalousie zur Lautstärkeveränderung, das Hauptwerk (darüber aufgestellt) und das Pedalwerk (mit den großen Pfeifen zur Kirche hin gewendet) – optimal hören und beurteilen kann.

„Jetzt ist die Sanierung der Orgel abgeschlossen. Das Instrument klingt heute so, wie es Rößler einmal gewollt hat“, freut sich die Kirchengemeinde. Im Konfirmationsgottesdienst weihte Bezirkskantor Christian Mause die Orgel ein. „Es bleibt Dank zu sagen allen, die mitgeholfen haben, unsere Orgel zu retten und für die Nachwelt zu erhalten. Danke an Herrn Vogt, dem Orgelsachverständigen unserer Landeskirche für die fachkundige Beratung, danke an die Orgelbaufirma Lenter für ihre sehr gründliche und sorgfältige Arbeit, danke an alle, die mit beraten und für die Finanzierung dieser großen Maßnahme gesorgt haben“, zeigt sich die Kirchengemeinde abschließend in ihrer Mitteilung dankbar.



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