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Gastbeitrag: "Wir müssen gemeinsam unsere Stimme erheben"

Hanau

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    Silas Kropf arbeitet beim Internationalen Bund im Projekt Daimlerstraße. Foto: Bender

Hanau. Silas Kropf arbeitet beim Internationalen Bund im Projekt Daimlerstraße. Der Sozialarbeiter ist selbst Sinti und beleuchtet die Situation der Minderheit in einem Gastbeitrag.

Artikel vom 18. Februar 2017 - 09:50

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Von Silas Kropf

Schätzungen zufolge fühlen sich heute in der Bundesrepublik zwischen 70 000 und 150 000 Menschen der Nationalen Minderheit der Sinti und Roma zugehörig. Anlass genug, sich einmal genauer mit der Minderheit, ihrer Geschichte sowie Vorurteilen auseinanderzusetzen. Sinti, später auch Roma, sind seit dem frühen 15. Jahrhundert im deutschen Sprachraum anzutreffen.

Nach anfänglichem Schutz durch die Obrigkeiten mittels spezieller „Schutzbriefe“ wendete sich schnell das Blatt und die Mitglieder der Minderheit wurden zunehmend ausgegrenzt und verfolgt. Trauriger Höhepunkt war der Porrajmos, der Völkermord an den Sinti und Roma im Zweiten Weltkrieg, welchem etwa 500 000 Sinti und Roma zum Opfer gefallen sind.

Vorurteile immer noch ein Thema
Auch nach dem Zweiten Weltkrieg standen Diffamierung und Ausgrenzung weiterhin auf der Tagesordnung. Erst im Jahr 1982 erkannte die deutsche Regierung den Porrajmos als Völkermord aus Gründen der sogenannten „Rasse“ an. Bis dahin wurde die These vertreten, Sinti und Roma seien unter anderem aus kriminalpräventiven Gründen verfolgt worden.

Aber auch heute, im Jahr 2017, sind Vorurteile gegenüber Sinti und Roma immer noch ein Thema. Mit dem Begriff „Zigeuner“, welcher insbesondere in der NS-Zeit eine negative Konnotation erfahren hat, werden Klischeebilder assoziiert, welche auf die Lebensrealitäten von Sinti und Roma nicht zutreffen. Einerseits ruft der Begriff das Bild von der schönen Esmeralda hervor, die um das Feuer tanzt, hellsehen kann und allen Männern den Kopf verdreht.

Begriff „Zigeuner“ wird abgelehnt
Andererseits kommt zu diesem romantisierenden Aspekt auch das Stereotyp des bettelnden, diebischen „Zigeuners“ hinzu, der im Wohnwagen fernab jeglicher Zivilisation dort sein Lager aufschlägt, wo es sich am besten von seinen Mitmenschen leben lässt. Ein weiterer Grund, den diskriminierenden Begriff abzulehnen, besteht darin, dass „Zigeuner“ eine Fremdbezeichnung darstellt, die Sinti und Roma, aber auch anderen Menschen, auferlegt wurde, ohne dass eine Entsprechung des Wortes auf Romanes, der Sprache der Sinti und Roma, existiert.

Diese Gründe in Betracht gezogen, ist es naheliegend, dass dieser Begriff weitläufig abgelehnt wird. Einer Minderheit das Recht zuzugestehen, sich selbst einen Namen zu geben, ist auch ein Zeichen des Respekts. Deshalb sollte sich jeder damit auseinandersetzen, welche Auswirkungen es hat, bestimmte Namen zu verwenden.

Verbindung zwischen Roma und Rumänien existiert nicht
Ein weit verbreiteter Irrglaube stellt eine Verbindung zwischen Roma und Rumänien her, die faktisch nicht existiert. Zwar ist es richtig, dass viele Roma aus Rumänien kommen, jedoch ist die Zugehörigkeit zur Minderheit keine Frage der nationalen Herkunft.

Diese Generalisierung äußert sich auch dahingehend, dass die Heterogenität der Minderheit oft keine Beachtung findet. Natürlich haben Sinti und Roma viele verbindende Elemente wie beispielsweise die Sprache Romanes, wenn auch mit teils sehr unterschiedlichen Dialekten, oder verschiedene Brauchtümer und Traditionen sowie die traumatischen Erfahrungen durch die erlittene Verfolgung und anhaltende Stigmatisierung, Diskriminierung und Ausgrenzung. Jedoch darf nicht vergessen werden, dass jeder Einzelne einzigartig ist und es nicht möglich ist, zu pauschalisieren.

Sind in der Pflicht, zu handeln
Damit in Deutschland ein Klima der gegenseitigen Wertschätzung geschaffen werden kann, muss sich mit dem noch immer salonfähigen Rassismus gegen Sinti und Roma, dem Antiziganismus auseinandergesetzt werden. Wie beispielsweise die in Deutschland einzigartige Dokumentation antiziganistischer Vorfälle in Berlin zeigt, die alljährlich von Amaro Foro e.V. erstellt wird, ist der Antiziganismus, tief in der Mitte der Gesellschaft verankert.

Dies hat zur Folge, dass Menschen aus der Minderheit, die eine Vorbildposition einnehmen könnten, sich oftmals aus Angst vor Stigmatisierung nicht trauen, zu ihrem Hintergrund zu stehen. Es bildet sich ein Teufelskreis: Negativbeispiele sind in den Medien und im öffentlichen Bewusstsein allgegenwärtig, positive Beispiele finden kaum bis keine Beachtung. Auch wenn in anderen Ländern die Situation für Roma wesentlich prekärer ist, sind auch wir in Deutschland, insbesondere vor dem Hintergrund des politischen Rechtsrucks, in der Pflicht, zu handeln.

Immer mehr Sinti und Roma erheben gemeinsam ihre Stimme
Immer mehr jugendliche Sinti und Roma schließen sich in Selbstorganisationen zusammen und erheben gemeinsam ihre Stimme, um für ihre Rechte einzustehen, so wie ich. Vor allem durch die Verfolgungserfahrungen meiner Familie im Zweiten Weltkrieg, auch in Hanau, und die anhaltende Stigmatisierung als „anders“ ist es mir ein persönliches Anliegen, meinen Teil zu einer positiven Entwicklung beizutragen. Aber Stärkung der Minderheit alleine reicht nicht aus. Es braucht vor allem auch Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit, um die Realität der Minderheit bekannter zu machen, Vorurteile zu bekämpfen und um perspektivisch zu einem positiven Klima des Miteinanders zu gelangen.

Die interkulturelle Jugendselbstorganisation von Roma und Nicht-Roma, Amaro Drom e.V., führt aktuell beispielsweise ein bundesweites Modellprojekt mit dem Namen „Dikhen Amen! Seht uns!“ durch, um Jugendliche aus der Minderheit zu Multiplikatoren für Empowerment und Sensibilisierung auszubilden. Aber es ist auch jeder Einzelne gefragt: Nur, wenn jeder sich seinen eigenen Vorurteilen bewusst wird und Ungerechtigkeiten ausspricht, können wir alle gemeinsam dafür Sorge tragen, dass unsere Welt ein sicherer und lebenswerter Ort für alle wird.



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